21.02.2008
Lia
Sie fühlte sich nackt im Schnee liegend. Ihr brauner Schneeanzug hatte schwarze Streifen. Schneeflockenhaufen rieselten an ihr hinunter. Es war kalt. Selbst ihre Ohren unter ihrer Mütze waren steif gefroren. Unter ihren Boots knirschte es. Sie wusste nicht wie sie hier her gekommen war. Der Himmel war klar und die Luft ziemlich dünn. Sie genoss die Aussicht sie liebte die Berge. Um ihre Hüften und ihre Brust spürte sie eng anliegende Gurte. Sie wusste, dass sie irgendwie selbst hier noch oben gelangt sein musste, dass irgendwo ihr Rucksack mit ihrer Ausrüstung sein musste und, dass das hier oben ihr Tod bedeuten könnte, aber daran dachte sie nicht. Sie ging ein paar Schritte, um nicht völlig einzufrieren. Sie bemerkte, dass sie ihre Gletscherbrille verloren haben musste.
Der Schnee glitzerte in der Sonne. Sie griff mit ihren Handschuhen in die Schneedecke vor ihren Füßen. Sie liebte es, wie der Schnee knisterte, wenn er in ihrer Hand zerbröckelte, seine Weiche und das Glänzende Weiß. Sie war nur etwa 2500 Meter hoch. Sie merkte es an der Konsistenz der Luft und an der Beschaffenheit des Schnees. Der Wind wurde härter und die Schneeflocken in der Luft dichter. Sie müsste machen, dass sie von hier herunter kommt. Sie lief die paar Schritte zurück und wühlte hastig im Schnee. Sie musste doch irgendwo ihre Ausrüstung gelassen haben. Immer mehr Schneeflocken legten sich auf die Schneedecke. Sie kam mit ihren Händen nicht sehr tief. Der Sturm wurde stärker und schnitt in ihren Augen. Sie kniff die Augen zusammen. Es war sinnlos die Ausrüstung zu suchen, sie könnte in der nächsten Zeit niemals zum Abstieg aufbrechen. Sie kroch auf allen Vieren durch den Schnee. Sie stieß auf einen kleineren Felsvorsprung und verbarg sich unter ihm. Der Boden war kalt. Die Kälte zog ihre Beine hoch. Sie dachte nicht darüber nach, dass sie erfrieren würde. Sie starrte in die weiße Luft. Mit den Armen ihre Beine umklammernd, verlor sie das Gefühl für Zeit. Sie hörte auf ein Mal ein Geräusch in der Luft. Es drang von Zeit zu Zeit näher und entfernte sich dann wieder. Irgendwann konnte sie das Wort verstehen. „Lia“ Ein Mann rannte auf sie zu und hockte sich vor sie. Sie wusste nicht, warum der Mann ihren Namen kannte, aber sie wusste, dass sie ihren Namen kannte. Er packte sie an den Schultern. “Ist alles in Ordnung? Geht es dir gut?” Er keuchte und sein Atem war weiß. “Ist alles in Ordnung mit dir?” Sie kannte ihn nicht, aber sein halb vermummtes Gesicht ließ charismatische Gesichtszüge erkennen. Er griff ihr nun unter die Arme und zog sie unter dem Felsvorsprung hervor und versuchte sie auf zu richten. Als sie stand, sah sie hinter ihm noch einen Mann im Schneeanzug verpackt stehen. Als er merkte, dass sie alleine stehen konnte, legte er seine Hände wieder auf ihre Schultern. “Wir nehmen dich jetzt mit runter. OK?” Er wollte wahrscheinlich nur, dass sie irgendetwas sagte, damit er sich sicher sein konnte, dass sie nicht stumm war oder, dass sie nicht völlig eingefroren war. “Ich habe meine Ausrüstung verloren.” Sie spürte ihre Lippen nicht mehr. Der Mann trat einen Schritt zurück und sah sie schief an. Er kniff seine Augen zusammen. Dann griff er einen Rucksack. “Wir haben alles dabei.” Der andere Typ zog eine kleine Flasche aus seinem Anzug und hielt sie ihr hin: “Hier, trink mal einen Schluck.” Sie nahm die Flasche zwischen beide Handschuhe und spülte einen großen Schluck hinunter. Das Zeug brannte in ihrem Hals. Sie spürte wie der Alkohol in ihrem Magenraum ankam.
Sie machten sie abstiegsbereit und sicherten sie mit einem Einfachseil. Der Abstieg dauerte lange. Jede paar 100 Meter spürte sie, wie sich die Konsistenz des Schnees veränderte, wie er schließlich matschig wurde und, wie es die Luft den Lungen immer einfacher machte zu atmen. Irgendwann keuchte sie auch – lang und tief. Aber der Atem blieb neblig.
Unten angekommen war der Schnee nass. Die Feuchtigkeit machte die Luft beißend Kalt. Sie schwitzte vor Anstrengung und spürte ihre Knochen vor Kälte. Ein kleines altes, rot lackiertes Auto stand ein paar Meter weiter. Die beiden Männer entfernten die Ausrüstung von ihrem Körper und sie setzte sich auf die Rückbank des Wagens. Sie konnte sich kaum bewegen. Die abgewetzten Ledersitze waren kalt.
Dann fuhren sie den Weg entlang, den die meisten hier zu Fuß passieren. Es waren vielleicht zehn oder fünfzehn Minuten, die sie fuhren, bis sie in der kleinen Siedlung angelangt waren. Es war ein netter, kleiner, behaglicher Ort in den Bergen im Schnee. Er erinnerte an Western. Nur das die Holzhütten hier nicht „Salon“ oder „Pferdestall“ hießen. Sie hielten vor einem mit Schnee bedeckten und Holz verkleideten Haus, und brachten sie rein. Drinnen standen überall Bänke und Tische, das Mobiliar war aus Holz, und es roch nach warmen Speisen und Kerzenwachs. Als sie den aufgeheizten, halbleeren Raum betraten, merkte der Wirt hinter dem Tresen auf: „Gott sei dank – ihr habt sie gefunden! Ist alles in Ordnung mit Ihnen?“ Er erwartete keine Antwort. Er bückte sich, holte eine große, verkorkte Flasche unter seinem Schanktisch hervor und suchte nach einem Glas. „Jetzt kriegen Sie erst einmal einen Whisky, damit Sie wieder warm werden!“ Er stellte ihr ein kleines mit brauner Flüssigkeit gefülltes Glas auf den Tresen. „Oder wollen Sie den lieber in einem Tee haben?“ Sie befreite ihre Hände von ihren Handschuhen. „Nein danke.“ Es brannte wieder in ihrem Hals. Sie stellte das Glas ab und setzte sich erschöpft auf eine freie Bank an einen Tisch. Der eine Mann kam auf sie zu, zog ihr ihre Mütze vom Kopf und klopfte ihr auf die Schulter. „Ok. Sie kommen klar?“ Sie nickte kaum merklich. „ Essen Sie etwas und gehen Sie schlafen. Wenn es Ihnen morgen schlecht geht, schicken wir Ihnen einen Arzt.“ Die beiden Männer verabschiedeten sich und verließen die Wirtschaft.
Ihre Haut begann vor Wärme zu brennen. Sie spürte, wie das Blut in ihren Adern und Venen zu fließen begann. Der Wirt brachte ihr einen großen Teller mit Kartoffeln, Bohnen und Speck. Sie griff nach der Gabel und bemühte sich sie festzuhalten. Sie wusste nicht, ob das Essen tatsächlich so heiß war, oder ob sie es nur so empfand. Sie merkte erst jetzt ihren großen Hunger. Als sie aufgegessen hatte, bedankte sie sich und ging durch eine Seitentür in den Flur. Eine Lampe spendete nur wenig Licht und es roch nach warmem Holz. Von hier aus führten Treppen in die oberen Etagen, wo sich Zimmer befanden. Als sie vor ihrer Tür stand, suchte sie ihren Schlüssel. Irgendwann fand sie ihn. Sie schaltete das Licht nicht an, sie streifte nur ihren Anzug ab und tastete sich zum Badezimmer. Sie ließ sich heißes Wasser in die Badewanne ein und gab etwas Badesalz, das in einem Regal stand, hinzu. Ihre Glieder waren noch steif, aber schon nach ein paar Minuten zog die Wärme bis in ihre Knochen. Sie griff sich eine Handtuchrolle, legte sie unter ihren Kopf und schlief ein. Sie träumte, dass sie auf einen Gipfel hochgeklettert war. Es war so hoch, dass es keinen Schnee mehr gab, sondern nur noch Gletscher. Plötzlich verflüssigten sich die massiven Eiszungen und sie wurde von dem eisigen Wasser mitgerissen. Ihr Körper war steif, nur ihren Kopf konnte sie aus dem reißenden Strom hinaus strecken. Sie wachte auf und fror. Das Wasser in der Badewanne war kalt geworden und ihre Körperhaare richteten sich vor Kälte auf. Zitternd und schlaftrunken stieg sie aus der Badewanne, trocknete sich ab und kroch unter die Decke in ihrem Bett.
Am nächsten Tag schien die Sonne. Sie war die letzte, die den Frühstücksraum betrat. Die meisten schienen bereits auf der Piste zu sein. Sie betrieb keinen Wintersport. Sie hatte hier das erste Mal ihren Urlaub gebucht. Es war keine Touristenoase, sondern ein kleiner, ruhiger, nostalgischer Ort. Durch das Fenster sah sie, dass sich eine neue Schneedecke auf den Boden gelegt hatte, es musste in der letzten Nacht geschneit haben. Draußen liefen ab und zu dick eingepackte Menschen über den Weg. Von drinnen sah es immer durch die strahlende Sonne aus, als wäre es warm draußen, aber wenn man die Haustür hinter sich schloss und draußen stand, nahm einen nur ein kalter Wind und tiefer Schnee in Empfang. Sie brachte ihr Frühstücksgedeck weg und ging sich anziehen. Sie wollte sich umschauen, ob man sich hier irgendwo eine Kletterausrüstung leihen könnte. Sie hatte nur noch drei Tage und die wollte sie nicht mit Nichtstun verbringen. Auf den Wegen waren schon viele Schuhabdrücke in die Schneedecke eingestanzt. Die Wege führten entlang an den Lagerschuppen, Hütten und Häusern, die entweder völlig aus Holz gebaut waren, oder dessen Fassade verkleidet war. Die Fenster waren klein und meistens mit hellen Gardinen verhangen. Je länger man hier Urlaub machte, desto mehr wurde man in die kleine Gemeinschaft aufgenommen. Sie bestand aus alten Einsiedlern und neu dazu gezogenen, die wegen der Berge gekommen waren und mit einen Tourismusbedingten Minimaleinkommen zufrieden sind.
Ein etwas korpulenterer Mann begegnete ihr. “Hey Lia, ich habe gehört, dass man sie gestern von 2500 Metern herunter holen musste. Haben sie nicht im Wetterbericht gehört, dass es einen Schneesturm geben sollte?” Sie hatte den Leuten hier gesagt, dass sie sie Lia nennen sollten, denn ihren Nachnamen konnte sowieso keiner richtig aussprechen. “Nein, ich hatte einfach nicht damit gerechnet.” Er zog seine Pudelmütze etwas weiter über seine Ohren. “Na, zum Glück sind sie wieder heil runtergekommen. Haben sie mal einen Blick auf unsere Gletscher werfen können?” Sie schüttelte den Kopf. “Nein, so weit oben war ich nicht, aber ich habe gemerkt, dass der Schnee schon relativ weit oben nass ist…” Er zog erstaunt seine halbkreisförmigen Augenbrauen hoch. “Dabei haben wir hier gar keine Industrie. Wir produzieren sogar ein wenig Solarenergie.” Er deutete auf ein weit entfernt stehendes Gebilde, auf dem im Licht Metallplatten zu schimmern scheinen. Sie folgte seinem hinzeigenden schwarzen Fäustling. “Temperaturveränderungen sind nicht lokal bedingt – und mit den paar Zellen können sie wahrscheinlich nur die Nachtischbeleuchtung versorgen. Es wird einfach zu wenig in die Forschung investiert, als dass man Ökoenergie profitabel herstellen und vertreiben könnte. Unser Institut bekommt auch zu wenig finanzielle Unterstützung…” Sie unterbrach und ließ ihren Blick auf einen willkürlichen Punkt ruhen. Er zuckte, ein ahnungsloses Gesicht machend, mit den Achseln. “Bei uns werden gerne Öko-Projekte durchgeführt.” Sie schwiegen. Ein anderer Mann kam vorbei und winkte kurz. “Guten Tag – Hey Fred, da warten Kunden vor deinem Laden.” Sie erwiderten den Gruß und gingen in entgegengesetzten Richtungen weiter. Es fing wieder leicht zu schneien an. Je näher man an den Hauswänden entlang lief, desto geschützter war man. Sie kam an einem Lagerhaus an, auf dem ein Schild mit der Aufschrift: „Sicherheitsdienst“ angebracht war. Davor standen die beiden Männer von gestern. Sie schnürten gerade Koffer und Pakete auf einem großen Schlitten. Sie blieb stehen und beobachtete sie. Als er sie bemerkte hob er zum Gruß die Hand und kam auf sie zu. „Hey, alles in Ordnung mit Ihnen?“ sie stand da, die Hände in den Manteltaschen vergraben und vor Kälte zusammengepressten Beinen. „Ja.“ Er keuchte dieses Mal nicht, aber lächelte. „Sie haben auch wieder Farbe im Gesicht. Gestern sahen sie ganz schön blau aus.“ Er war auch nicht so verpackt. Sie sah sein schwarzes Haar unter der Mütze hervorlucken. Der andere Mann scharrte mit den Füßen. „Ok. Auf der Piste ist der Lift kaputt – wir müssen los. Gehen sie abends manchmal in die Wirtschaft?“ „Ja,… ja.“ Er hob wieder die Hand zum Abschied und entfernte sich. „Dann sieht man sich ja vielleicht mal.“ Die beiden Männer packten die Seile und zogen den Schlitten hinter sich her den Weg hinunter. Ihr fiel ein, dass sie eigentlich nach einer Kletterausrüstung hätte fragen können und lief weiter. Sie kam an dem Lagerhaus vom Skier- und Snowboardverleih an. Die Türen standen weit offen und es schin keiner da zu sein. Sie betrat das halbdunkle Lager schaute sich um. Sie hörte es im hinteren Bereich rumpeln und ein, nur mit Hose und T-Shirt bekleideter, Mann kam ihr entgegen. „Hallo! Was kann ich für Sie tun?“ Sie blieb stehen: „Haben sie Ausrüstungen zum Bergsteigen?“
Er durchstreifte kurz mit seinen Augen den Raum, bis sein Blick auf sie fiel. Sie saß in einer Ecke auf einer Bank, im Lichtschein einer dieser tief hängenden Lampen und hatte ihre Arme verschränkt vor sich auf den Tisch gelegt. „Hallo“, sagte er mit einem abgespannten ernsten Gesichtszug. „Hallo“, erwiderte sie. Er setzte sich gegenüber von ihr auf die Sitzbank und legte seine Jacke, seine Mütze und seine Handschuhe neben sich ab. Nun saß er im schwarzen Rollkragenpullover da und wischte sich stöhnend über sein Gesicht. „Trinken sie einen Schnaps mit mir?“ „Ja.“ Sie rührte sich nicht. Er ging zum Tresen und kam mit zwei kleinen Gläsern wieder. „Haben sie schon zu Abend gegessen?“ Sie nahm das Glas und schüttelte kurz den Kopf: „Nein.“ Er drehte sich um, um auf den Aushang mit der Speise des Tages schauen zu können. „Es gibt heute Omeletten mit Pilzsoße und Broccolieintopf.“ Sie nahm einen Schluck aus ihrem Glas. „Ich nehme das Omelett.“ „Gut, ich auch.“ Er streifte sich durch sein nasses Haar und gab die Bestellung auf. Kurz darauf brachte ihnen der Wirt zwei Teller mit großen dampfenden Omeletts. „Was war gestern auf dem Berg passiert?“ Sie schaute nicht auf und schnitt ihr Omelett auf, damit es abkühlte. „Ich weis es nicht.“ Er betrachtete sie kurz, dann wandte er sich auch seinem Omelett zu. „Wie lange klettern Sie schon?“ „Etwa zehn Jahre.“ Sie schnitt kleine Stücke vom Rand ab. „Fred hat mir erzählt, dass sie in einem Institut arbeiten. Was machen sie beruflich?“ „Erdwissenschaften.“ Sie betrachtete die braunen Flecken auf ihrem goldgelben Omelett, die herauslaufende Soße und die herausgefallenen braune Pilzstücke. Sie versuchte die kleinen Stücke mit dem Messer zusammen zu halten und mit der Gabel zu fixieren, um sie ohne zu kleckern zum Mund zu führen. Sie schwiegen. Sie schaute auf: „Wird hier viel getratscht?“ Er sah sie einen Moment lang an. Sein Gesicht hatte scharfe Zeichnungen. „Nein, sie haben wahrscheinlich ein interessantes Profil.“ Sie schwiegen wieder. Als sie fertig waren, lehnte er sich erschöpft seufzend zurück. „Sie lieben die Berge.“ Sie schob ihren Teller zur Seite und legte wieder ihre Arme verschränkt vor sich auf den Tisch und entgegnete knapp, emotionslos: „Ja.“ Er fuhr sich durch seine herunter hängenden Haarstränen. „Leben Sie in den Bergen?“ „Nein“ Sie rührte sich nicht und fixierte ihn mit ihrem Blick. Er schwieg einen Moment. „Haben Sie sich mal darüber Gedanken gemacht in die Berge zu ziehen?“ „Nein.“ Sie nickte mit dem Kopf kurz abweisend zur Seite. „Wir könnten hier noch jemanden gebrauchen, der sich mit dem Klettern und den Gletschern auskennt.“ Er zog ein Taschentuch aus seiner Hosentasche. „Ich möchte lieber, dass mein Blut im Neuschnee auf einer Expedition gefriert, als im Eis einer mir bekannten Umgebung.“
Sie klopft mit ihrer im Handschuh verpackten Hand gegen das massive Holz der Tür. Der andere Mann öffnet ihr. „Hallo.“ Er dreht sich kurz weg und schnauft in ein Taschentuch. “Können sie mir eine Kletterausrüstung und einen Rucksack leihen?” Er hat helle kurze Haare und einen Kotlettenansatz. “Ja, kommen sie rein.” Sie folgt ihn in einen Nebenraum in dem sich jede Menge Geräte, Werkzeuge, Seile und andere Dinge befinden. Er nimmt einen Trackingrucksack vom Haken und sucht die Dinge für eine Grundkletterausrüstung zusammen. Als sie ihn das erste Mal für etwas korpulent gehalten hatte, hatte sie sich wohl getäuscht, er war einfach nur stark gebaut und hatte ein breites Kreuz – sonst währe er ja wohl auch kaum den Berg hoch gekommen. “Ok. hier sind Gurte, Seile, Schraubkarabiner, Höhenmesser und Peilkompas – und ich packe ihnen auch einen Eispickel ein, falls sie auf apere Gletscher stoßen. Wo wollen sie überhaupt rauf?” sie zuckt mit den Achseln. “Ich weis es noch nicht.” Im Nebenraum hört sie, dass die Haustür geöffnet wird. “Markus?” Er dreht sich um und ruft zurück: “Ja. Ich packe gerade für Lia eine Kletterausrüstung zusammen.” Der Mann mit den charismatischen Gesichtzügen tritt in die Tür. “Hallo. Wollen sie alleine gehen?” Sie dreht ihren Kopf halb zu ihm. “Ja.” Er zieht ein kleines Funkgerät aus seiner Hosentasche und gibt es ihr. „Hier. Das Gerät hat eine integrierte GPS-Funktion, dann können wir Sie orten, wenn Sie nicht mehr zurückkehren.“ Sie nimmt es und steckt es ein.
Sie rollt sich in ihrem Schlafsack ein und zieht ihren Rucksack auf Kopfhöhe. Sie meint ein Geräusch zu hören und lauscht auf. Sie versucht zu unterscheiden, ob es von draußen kommt oder im Zelt ist. Sie tastet nach dem Funkgerät in ihrer Jacke. Es knistert aus dem Lautsprecher. Sie drückt auf die Gesprächspartnerannahme Taste und hält das Gerät nah bei ihrer Ohrmuschel. „Hallo… Hallo… Lia…“ Sie erwidert ein „Hallo.“ „Lia Wo sind Sie?” Sie rutscht tiefer in ihren Schlafsack und presst das Gerät an ihr Ohr. „In meinem Zelt.“ Ihre Stimme klingt etwas rau. „Ja, gut. Ich wollte nur wissen, ob bei Ihnen alles in Ordnung ist. Wie hoch sind Sie?“ Sie starrt an die Zeltdecke. „Etwa 3000 Meter.“ „Ich möchte Sie nicht nerven, wir haben hier nur wenig Bergsteiger und letztes Jahr haben wir eine Leiche aus einer Gletscherspalte geborgen.“ Sie presst das Funkgerät dichter an ihr Ohr, da der Empfang nur sehr schlecht ist. „Ja.“ Sie hört wieder seinen schweren Atem und sein Seufzen. „Ok. Dann planen Sie für Morgen den Abstieg.“ „Ja.“ Das Rauschen wird immer lauter. „Dann. Guten Nacht.“ „Guten Nacht.“ Sie hält den Knopf noch lange gedrückt und das kratzende Rauschen dringt in ihr Ohr. Dann steckt sie es zurück in ihren Anzug und dreht sich zum Schlafen auf den Bauch.
Es ist schon dämmerig, als sie den verschneiten Weg entlang stapft. Sie hat die Gletscherbrille über ihre Mütze gestreift und der Wind schneidet in ihren Augen. Sie schaut noch einmal den Berg hinauf und betrachtet die schwarz weißen Schattierungen, die sich bis zum Gipfel erstrecken. Sie bleibt stehen. Hinter sich hört sie ein Geräusch näher kommen. Sie sieht wie das Dunkel sich langsam aus dem Schnee hervorhebt, näher kommt und Form annimmt. Der aufgewirbelte Schnee rieselt hinter den hechelnden Hunden wieder zu Boden und in der Ferne kann man eine unscharfe Spur erkennen. Sie stellt sich an den Rand des Weges. Der Schlitten bremst ab und die Hunde kommen widerspenstig ein paar Meter vor ihr zum Stehen. „Hey Lia! Soll ich sie mitnehmen?“ Sie zögert kurz und erwiedert dann: „Ja.“. Mit ihrem Rucksack zwischen den Beinen, setzt sie sich hinter ihm in den Schlitten.
„Dann Aufwidersehen!“ „Meinen Sie es so, wie Sie es sagen?“ Sie betrachtet ihn kurz und sieht dann zu den Bergen. „Vielleicht.“ Er ist ihrem Blick gefolgt. Dann schultert sie ihren Rucksack und nimmt ihre verbeulte Reisetasche. „Aufwidersehen.“ Sie schaut kurz auf und geht. Dann bleibt sie noch einmal stehen, dreht sich um und geht einen Schritt zurück. Sie reicht ihm ihre Hand. „Dankeschön.“
Sie stößt die Tür zu ihrer Wohnung auf und wirft ihre große Reisetasche auf den Boden. Hastig sortiert sie ihre Kleidung auf den Jackenhaken und räumt ihre Schuhe in ein kleines Regal. Dann zieht sie den großen Reisverschluss ihrer Reisetasche auf und beginnt sie auszuräumen. Sie greift einen Zettel auf dem eine Wegbeschreibung und eine Höhenangabe mit unleserlicher Schrift notiert sind. Es fällt ihr wieder ein. Es war in der Wirtschaft gewesen. Ein Mann hatte sie gebeten mit ihm hoch zu steigen. Er hatte sie bedrängt. Sie stieg nie in Gesellschaft hoch. Irgendwann hatte sie eingewilligt. Sie war an dem Tag früh aufgestanden. Sie hatten sich dort getroffen. Oben ging er in diese Höhle. Er wollte unbedingt in diese Höhle. Sie wollte auf ihn warten. Sie wartete, aber der Schnee rutschte zu viel. Sie hatte ihn dort oben vergessen. Sie wirft den Zettel in den Papiereimer und hört ihren Anrufbeantworter ab.


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