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Wie viel ist unsere Bequemlichkeit wert?

Die moderne Medizin ermöglicht es inzwischen mittels spezieller Untersuchungen einer werdenden Mutter die wohl wichtigste Frage überhaupt zu beantworten. - Wird mein Kind gesund sein
Unterdessen können wir uns einer weiteren Frage stellen - Welche Bedeutung hat ein solcher Fortschritt für unsere Einstellung zum Leben und zum Kinderkriegen?
Die Befragung zum Thema - erarbeitet von NETWORK\'s RESEARCH\"
In Kürze hier bei ITB im Bereich Labs


Operation Urlaub – Laktoseunverträglichkeit

 

 

Lara klammert sich an ihrem Kissen fest. Ihre Schlafkoje erbebt in unregelmäßigen Abständen. Ein Erdbeben überlegt sie verschlafen – hier? – jetzt? – Was für ein Blödsinn! Müde und etwas mürrisch hüpft sie rasch aus der oberen Koje, streift sich ein auf der unteren Schlafkoje liegendes Hemd über und schlüpft barfüßig die Stufen vom Wohnwagen hinunter. Draußen ist es warm und sonnig, nur das Gras unter ihren Füßen ist etwas feucht. Laute von Mühsal ertönen unter dem Wagen. Kniend spät sie unter den Wagenboden. „Dad, what the hell you are doing?“, ruft sie genervt, als sie ihren Vater unter dem Wohnwagen herumhantieren sieht. „Hey sunny, Morgenstund has gold in Mund.“, kommt es dumpf, aber ungetrübt fröhlich zurück. Grummelnd und stöhnend geht sie zurück in den Wohnwagen, zieht eine Ersatzmatratze hervor und legt sie nach draußen in die Sonne. Seufzend lässt sie sich darauf fallen und genießt die gebündelten Sonnenstrahlen auf ihrer Haut. Sie liebt den Geruch von warmer Haut – diesen Kupfergeruch – Auf jeden Fall empfindet sie es als Kupfergeruch und stellt sich vor, dass ihr warmer Körper mit glänzenden rotbraunen Staub überzogen ist und das gleißende Sonnenlicht mit gleicher Intensität reflektiert und so ein Teil davon wird. Zu mindest solange man die Augen geschlossen hält und atmet. Wenn man wieder hinsieht, kommt die erwartete Ernüchterung, dass die Haut immer noch matt, weiß und faserig ist. Eigentlich mag sie helle Haut – ihre Haut. Die Menschen, die weiße Haut verpönen sind doch alles Spinner. Vor noch nicht einmal 100 Jahren wurde schwarze Haut geächtet und heute pflegen Leute ihren Hautkrebs in Sonnenstudios, um wenigstens einmal annähernd wie ein „Negro“ aus zu sehen. Sie liegt in der Sonne nicht wegen der Bräune, sondern wegen der Wärme. Außerdem verfärbt sich ihre Haut nur langsam – einen zwei wöchigen Strandurlaub sieht man ihr kaum an, aber das stört sie nicht.

Sie ist in dämmerigen Schlaf versunken, als sie von irgendwo weit her eine Stimme hört. „Hey, my sleepy head – Dormouse – I’m going to make früh break.” Ihr Vater hat hier ein Privileg, denn sie ist froh darüber, dass er ihren Namen nicht mit ernsthaft grotesken Kosenamen oder besser Kosetietel als Synonym ersetzt. Sie kann überhaupt diese hyperbelhaften Liebesgetändel und diese Verniedlichungen mit den chen- und i-Endungen nicht ausstehen. Leute die Diminutive benutzen haben doch ein Problem mit der Semantik – ein gewaltiges Problem!

Ihr Vater war noch nie ein Künstler im Wecken. Sie dafür im sich schlafend oder gleich tod stellend. Als Kind war sie sogar so erfolgreich, dass ihr Vater sie an den Beinen aus dem Bett zog und drohte „If you’re not ready in 10 secounds, than…“ Eigentlich war sie zehn und er würde den Ärger bekommen, aber einmal musste sie zur Strafe in ihrem gestreiften Pyjama zur Schule gehen. Eine psychologische Maßnahme die wie viele andere scheiterte, denn sie störte es überhaupt nicht. Ihren Vater schon – oder vielleicht tat er auch nur so, weil ihm seine Vaterschaft und die damit verbundene Verantwortung bewusst war  – oder weil es ihre Mutter störte. „Bread with Eier-Speck – you know bacon!”, ertönt es wieder unüberhörbar zwischen lautem Geklapper.  Stöhnend dreht sie sich auf den Rücken und blinzelt in den Himmel. Wahrscheinlich wieder der kleine Erhitzer und die Bratpfanne, in der ihr Vater alles wild durcheinander mischt. Ihr Vater ist eben eine wahre Frohnatur – schon morgens gut gelaunt und ein bisschen verrückt. Nach den ersten Tagen in New York, eröffnete er ihr, dass er geplant hat mit dem Wohnwagen nach Florida zu fahren, um sich dort für eine kleine Nebenrolle in irgendeinem Gangster-Streifen zu bewerben. So  schleppte sie gestern ihre unausgepackte Reisetasche in den Wohnwagen, verkroch sich in ihrer Schlafkoje und sie fuhren los. 

Sie sitzen gemeinsam auf der Matratze, essen das Frühstück und den von ihrem Vater typischen viel zu starken schwarzen Kaffee. Er trinkt aus einer Tasse, auf der ein sichtlich von Krankheiten gezeichneter Mann mit Gehstock abgebildet ist und der Schriftzug „Every morning a day near retirement“, die sie ihm vor ein paar Jahren geschenkt hatte. Sie trinkt aus einem verwaschenen Mickey Mouse Glas. Ihr Vaters Hausstand scheint noch aus seiner Junggesellenzeit zu stammen – wüst und zusammengeklaut.

Sie muss grinsen. Er trägt ein rotes T-Shirt mit dem Aufdruck „Wireless Pirate“ – ein Joke, den nicht jeder versteht. Ihr Vater hatte einfach zu viel von dieser „Wir-bauen-eine-Mauer-Kriese“ mit bekommen und die 68er wohl noch nicht ganz überwunden. „Ok. See you later. I call you on handy if it’s ready.” Er verabschiedet sich und lässt sie auf der Matratze zurück. Eigentlich hat sie nicht wirklich Lust ziellos los zu ziehen, um sich in irgendwelchen Shopping-Tempeln zu opfern oder sich irgendwo sinnlos auf eine Straßenbank zu setzen. Sie könnte auch hier in der Sonne bleiben und einfach ein Buch lesen. Ein Buch lesen kann sie auch zu Hause, überlegt sie und steht auf. Wenn es ihr wirklich in den Straßen zu blöd sein sollte, kann sie immer noch irgendeinen Film in der Preview gucken gehen, nach Platten, die es sonst nur als Import gibt suchen oder eben auch draußen ein english book lesen. Sie sucht in ihrer Reisetasche nach einem T-Shirt, einer kurzen Hose und ihrem Handy. Sie hatte beim Packen alle Sachen einfach in die Tasche geworfen, um sie nicht zu vergessen, denn irgendetwas vergisst sie immer. Ihr Handy braucht sie hier nur, um den Kontakt zu ihrem Vater nicht zu verlieren oder ihn notfalls wenigstens zu lokalisieren. Sie schaltet es ein. Sie hat einen Anruf in Abwesenheit einer unbekannten Nummer. Sie löscht den Eintrag und steckt es in ihre Hosentasche. Zu Hause ist sie gerne ab und zu unerreichbar. Sie hat auch bei keiner Community ein Profil oder hält sich in zweifelhaften Chat-rooms auf, um mit, höchst wahrscheinlich fiktiven, unbekannten Personen über sinnlose Dinge zu reden und ihre Zeit zu verschwenden. Identitätsdaten-Veröffentlichungswebsides sind für sie reine Selbstpräsentationsplattformen und sie hat kein Interesse daran sich selbst oder ein unnützes Pseudo-Wesen Leuten dar zu stellen, von denen sie sowieso nichts will. Früher haben diese Funktion Menschen übernommen, die täglich duzende von Kontakten zu den unterschiedlichsten Persönlichkeiten knüpften und auf Wunsch Kontaktdaten weiter gaben oder ein Charakteroutline anfertigten. Der Konkurrenzsieg von virtuellen Menschensammelbecken à la Myspace ist wohl alleine die menschliche Vergesslichkeit geworden. Sie berechnet in ihrem Leben alles nach der Kosten-Nutzenbilanz. Technik ist für sie kein Spielzeug, sondern funktional. Sie führt die meisten Transaktionen und Einkäufe online durch. Außer ihrem PC hat sie noch ein kleines Business-Laptop. Sie hat es sich einmal im Ausverkauf günstig erworben. Es ist für ihre Vorstellungen nahezu winzig, eine schmale Tastatur mit Beleuchtung, die es gar nicht erst zu lässt, dass das Tippen unelegant aussieht und ein glattes bordeaux farbenes Gehäuse auf dessen Oberseite in großen schwarzen runden Lettern Sony zu lesen ist. Sie würde es zum Arbeiten völlig unbequem empfinden, aber unterwegs oder draußen in ihrem Liegestuhl hängend ist es ideal, um wireleslan zu surfen. Dabei erinnert sie sich an die Werbespotts, die zu Hauff liefen, als das schnurlose Internet zu boomen begann. Ein Typ, der mit seinem Laptop draußen auf einer Wiese sitzt und ein kleiner Junge der zu ihm kommt und erstaunt fragt: „Was machst du denn da?“ Als würde es keine anderen virtuellen Tätigkeiten geben, als sich im Netz zu bewegen und dann eben diese Antwort: „Ich surfe im Internet.“ – an dem Wortlaut kann sie sich nicht mehr erinnern – „Ohne Kabel? Zeig mal.“, als wäre wirellesslan spannend, was es nun wirklich in keiner Weise ist – es ist einfach faktisch und trocken äußerst praktisch. Aber dieser marketingstrategische überraschte und faszinierte Gesichtsausdruck des Jungen. Man könnte sich die ganze Situation auch noch etwas früher mit einer Frau, die draußen sitzt und telefoniert, vorstellen: da würde ein kleines Mädchen ankommen und mit ebnend diesem charakteristischen Gesichtsausdruck, „Ohne Kabel? Lass mal hören.“, sagen und mit geweiteten Augen die Hörermuschel an ihr Ohr pressen. Eine Erstauntheit über das menschliche Know-how und darüber, dass jene famosen Errungenschaften für jeden westlichen Haushalt erschwinglich sind – westlich ist in diesem Bezug wohl falsch. Das Abendland gehört zwar zum Großteil nicht zur First World, aber es arbeitet in dessen Kolonien und wird in naher Zukunft zu Myriaden seine Mutterstaaten überschwemmen – mit dem Glauben das Land, in welchem Milch und Honig fließt gefunden zu haben, wie es das televisionäre Orakel flüstert. Es ist schon beeindruckend, dieses riesige globale Netzwerk der Kommunikation, dass mit fein gesponnen Fäden den Erdball mit einem durchsichtigen Netz umgibt – ein Netz, das eine Seiltänzerin beim Fall sanft auffangen kann, aber auch ein Netz, in wessen klebrigen Fängen sich eine Fliege verfangen und zum Abendfraß der Schwarzen Witwe verurteilt werden kann. Außerdem ein soziales Netzwerk, ein Meer von Gemeinschaften und Kollektiven, in dem man ertrinken könnte, wo die epikureische Philosophie im Verborgenen zu leben schlicht weg unmöglich geworden ist. Man wird registriert, gescaned und gespeichert egal, ob man sich real oder virtuell bewegt – die Reduktion auf zwei Extrema: Stress oder Isolation. Sie bevorzugt auf geschäftlicher Ebene die Isolation. Sie legt lieber ihre DVD-Box in den Warenkorb bei Amazon bei Sonnenschein auf ihrem Balkon, als hastig durch die engen Gänge in einem Kaufhaus zu schlüpfen. Der einzige Nachteil auf ihrem Balkon ist, dass sie sich nicht mit dem Verkäufer oder zu mindest seinen Angestellten unterhalten kann. Auf jeden Fall kann sie sich nicht vorstellen, dass Jeffrey Bezos rund um die Uhr mit Millionen Kunden simultan skypen möchte. Der Vorteil wiederum ist, dass es keine sekündlich aufflimmernden Pop-up-Fenster mit knalligen Sonderangeboten gibt – aber das es im 12. Jahrhundert germanische Marktschreier gab, bezweifelt sie auch, davon abgesehen existierte überhaupt zu dieser Zeit schon dieses moderne Volk?

Sie taucht aus dem munteren Fußgängerzonengewimmel auf und schlägt eine weniger frequentierte Route ein. In ihren essentiellen Bestandteilen sind alle Städte gleich: Beton, Grün und Menschen, wobei der triste Baustoff wohl letztere Elemente zusammen überwiegt. Sie hat keine Lust mehr zu laufen. Sie lässt ihre Blicke über die Wände ziehen, die den Gehweg begrenzen. Das ist nicht die Fußgängerzone, Geschäfte, ein Coffee Shop und rauer grauer Putz. An einer touristenuninteressanten Gebäudefront setzt sie sich an einer nicht mit Zigarettenstummel übersäten Stelle auf den Boden. Die Leute könnten denken, dass sie bettelt. Sie hat keinen Hut, sie könnten es nicht. Ihr fällt auf, dass ihre Hose weiß ist. Sie steht nicht hektisch auf – der Dreck wird sich nicht vermehren – sie hatte sich schon hingesetzt. Sie denkt an solche Fauxpas nicht. Sie hätte sich wahrscheinlich auch mit einem kurzen Rock hingesetzt und die Peinlichkeit dessen wäre ihr erst Sekunden später bewusst geworden. Sie hat keinen Rock an, sie trägt kaum Röcke, denn sie denkt immer erst im Bücken daran und hofft, dass der Stoff lang genug ist. Sie zieht ihren Ringblock aus der Tasche. Ein Bleistift klemmt an der Seite. Die ersten Seiten sind bereits mit glänzenden Granitstrichen überzogen. Der letzte Eintrag im Flugzeug – ihr Flug ging um sechs, sie war irgendwann viel zu früh in der U-Bahn, überall ihr weniges Gepäck. Sie braucht nicht viel, aber die große Reisetasche, die sie nicht verlieren durfte. Ihre Gedanken hatte sie in ihr Hirn gehämmert, um sie nicht zu verlieren: „Ich sitze da, den Rucksack auf dem Boden, die Umhängetasche auf dem Schoß – eingebaut und zugeschnürt. Phrasenabrisse spinnen sich in meinem Kopf: „mit latenter Gefahr“. Der Bahnwechsel erfordert Logistik.“

Einige potenzielle Phrasen für irgendein Buch, vermutlich, zum Ersten für ihr Ringblock. Es waren fein gezeichnete Linien in dem Öl ihres Dopaminüberschusses, das in ihrem Körper zusammenfloss. Die Gedanken blieben neblig, verpennt. Die Überdosis Adrenalin, die nicht wach machen kann, aber das Gehirn vom Abschalten der Sinneswahrnehmungen beschützt. Eine Traumwelt, in der die Sensibilität ihr Maximum erreicht und man trotzdem in der Realität ist. Erst nach dem Check-in im Flugzeug hatte sie die Hände frei, um die menschliche Paraphrase für Hormonausschüttungen auf zu schreiben: „Das ist die Verrücktheit des Lebens. Irgendwo zwischen Graffiti an den Wänden und pinkfarbenen Neonröhren ist ihr Lebensgefühl. Es stinkt – es ist erbärmlich. Sie weis nicht mehr, ob sie die schon wieder vergessenen Gedanken – Blitzideen – wirklich gedacht oder nur geträumt hatte. Sie wusste nur noch von der Genialität und merkte, dass dieser Begriff auf die Wahl ihres U-Bahnsitzplatzes nicht zutraf. Sie weis nur, dass das Wort mit einem L begann: latent, lateral, lasziv, lash – sie musste es geträumt haben. Sie fragt sich, ob sie nicht doch vielleicht Fieber hat. Das Gefühl in dem Vakuum zweier Welten zu schwimmen erreicht ihren müden Kopf, andererseits die Faszination über ihre Gehirnarbeit. Ausländer die ausländische Sprachen sprechen, hatte sie im Hörfunk aufgeschnappt – eigentlich ein englisches Zitat, aber im Deutschen ist es ein Parallelismus mit zwei Alliterationen – das konnte sie noch denken. Der Millimeter, an dem sich Müdigkeit und Aggression treffen, irgendwo dort, auf einem beliebigen Punkt, glaubte sie sich zu befinden. Sie war nicht äußerlich aggressiv, sie fühlte sich nur wie ein Löwe, der einen Schlafplatz sucht. Es wird zu trüb. Sie versucht wieder an Graffitit zu denken. Lebensfreude, Lebensgefühl, bunt, knallig – reichten bereits zwei Begriffe für eine Akkumulation? Weg von pinkfarbener expressionistischer Fantasie, hin zu dem abgebrochenen Wortlaut “pennen”. Sie war trocken im Mund. Wenn die Rationalität von den Gefühlen überrannt wird – sich nicht so entfalten darf, kann, wie sie sollte, um das Individuum vor Übergriffen der Fantasie zu schützen – was war das dann? Heute Morgen hatte sie im Hörfunk einen Slapstick – oder wie man das auch immer nennen mag – über Fernsteuerungen für emotionale Ausbrüche gehört. Es gab diese Fernsteuerung nicht. Das war eine klare und eindeutige Feststellung. Verfolgung bleibt Verfolgung, ein mainstream Name, bleibt einer, mit dem zu viele Menschen auf diesem Planeten angesprochen werden. Sie war bald da, also nicht nötig noch weiter zu spinnen, aber an Schlaf zu denken, die Location zu checken, ihr waren Proll-Raggae-Zeilen im Kopf stecken geblieben, die sich jetzt immer einschalteten. Sie musste wach werden.“

 

Sie sucht eine freie Seite. Am produktivsten findet sie es, wenn sie spontane Gedankenfetzen aufschreibt. Sie hat Lust auf etwas Spannendes – auf ein Selbstprojekt: willkürlich eine Person verfolgen. Sie hat einen von diesen Agatha Christy’s auf Englisch da. Sie verliert sich schnell in so etwas. Nachdem sie den Schwarm gelesen hatte, hat sie auch zwei Wochen lang jegliche Umweltveränderung und Katastrophe mit einer ernsten Miene auf die Yrr geschoben, dann erst war sie wieder im Paradoxon der Realität angekommen. Eine Frau bleibt stehen und beugt sich mit einem milden Gesichtsausdruck halb zu ihr. „Du you need help?“ Sie hat die inkompetente, protektlosen Ausstrahlung manchmal gepachtet. Sie würde gern irgendetwas Dummes sagen. Die Frau ist über 40 und meint es ernst. „No. Thanks.“, entgegnet sie belanglos. Sie hört, wie sie an ihr vorbei weiter den Gehweg hinunter läuft. Das „Ok.“ Hatte sie noch gehört, ihren Gesichtsausdruck nicht registriert. Sie fängt an zu schreiben:

 

Schlafwandel im Schacht

Morgen Tau im Grau’n

Wie Treppen sich stau’n

Schicht für den der lacht

 

Sie weis nicht, warum sie ausgerechnet jetzt irgendetwas über Stadtleben schreiben muss. Sie empfindet die Stadt hier nicht besonders, aber sie denkt an zu Hause und sie liebt die Formulierung „Schicht im Schacht“.

 

Nicht mehr einsam hier

Fremde Blicke treffen

 

Ihr fällt kein Reim auf „treffen“ ein. Was machen Lyriker in so einem Fall? Gibt es ein Reimwörter Duden? Nein, wahrscheinlich nur eine antrainierte Hochgeschwindigkeits-Kombinatorik, die wie auf einem Rechner den aktiven und passiven Wortschatz in einem Bruchteil von Sekunden durchsucht und auf einer Ergebnisseite die Treffer nach Qualität oder Alphabet auflistet. Sie hat eine solche Kombinatorik nicht. Sie beobachtet die Menschen, die vereinzelt auf der anderen Seite der Straße oder an ihr vorüber gehen.

 

Keine Seele treffen

Und jetzt allein hier

 

Dann ist es ebnend zwei Mal der identische Reim – sie ist nicht für Normierung. Außer bei Steckdosen und nicht für die Länge von Gemüsegurken – in der Schweiz und in Norwegen hätte man trotzdem das Problem – aber was soll es: die EU wird sowieso nie die Vereinigten Staaten verschlingen können.

 

Tag ein und Tag aus

Versunken im Nichts

 

Schon wieder so ein blöder Reim. Sie kann einfach nicht dichten, dass hatte sie empirisch ermittelt und zum Glück noch nicht von einer unabhängigen Person bestätigen lassen. Aber sie glaubt nicht an eine Planung von Dichtungen – Lyrik ist doch mehr, als nur der plumpe Einsatz von Stilmitteln und Metra. Vielleicht hat sie auch doch kein Talent, kein unentdecktes und kein offenkundiges. Alles was sie kann ist kryptische Zeichen zu malen, sie aneinander zu reihen und durch Punkte auf Gruppen zu begrenzen. Das ist die prosaische und rationale Sicht auf die Welt von Analphabeten, dem Überrest der Vernunft. Alle anderen Weisen und Gelehrte interpretieren einen Sinn in die Zeichen-Codes und machen sich einfach nur lächerlich. 

 

Verschwinden des Lichts

Ich muss hier mal raus

 

Sie klemmt den Stift wieder an. Kein Lehrer oder Professor der Welt würde aus ihren Zeilen den Kontrast zwischen Hass und Liebe zu der Stadt, den sie verspürt, heraus lesen. Heckte, Gedränge und das Verschwinden in der Masse, aber Erfrischung und… ich muss hier mal raus… Sie liest die letzte Zeile. Es ist wirklich so, dass in allem, was man schreibt ein kleines Bisschen das eigene Gefühl steckt. Die Nacktheit, vor seiner eigenen Hand und dem Papier nur mühselig verbergen zu können, was man in Wirklichkeit empfindet. Sie kann sich nicht vorstellen, jemals aus Berlin weg zu ziehen. Es ist ihr eine liebgewordene Heimat – sie fühlt sich zu Hause, wenn sie sagt, dass sie aus der Hauptstadt kommt, aber manchmal wendet sich auch ihr tiefster Hass gegen sie, gegen die Menschen in ihr, gegen alles, wofür sie steht und dann wünscht sie sich weg auf eine kleine einsame Insel im Mittelmeer. Eine minimalistische Insel – ein minimalistisches Leben nur sie auf dem schwimmenden Stück Erde wie Diogenes in seinem Fass oder das grüne Grummelwesen aus der Sesamstraße, nur das ihre Insel etwa 15 Quadratmeter hat und zwei Palmen auf ihr stehen. Sie zeichnet unter dem Text. Meer, Strand, zwei Palmen und eine Hängematte. Sie bräuchte keine Kleidung oder ein gutes Buch. Sie würde nur schläfrig da hängen, in den wolkenlosen Himmel blinzeln, vielleicht eine Kokosnuss aufschlagen und an nichts denken, mal einen freien gelösten Kopf haben, kein Verlangen verspüren, keine Lust und keine Gleichgültigkeit – nichts, nur sie, das übermächtige Rauschen der friedsam schäumenden Wogen und vielleicht ein Seestern im flachen Wasser. Ein kleines naturrotes Individum als die Repräsenz der selfdecoration der Schöpfung. Eine bizarre Schönheit, damit meint sie nicht die Skurillität wie Affenbrotbäume, sondern die Tatsache, dass die Natur mit einer superlativen Auswahl von Designs aufwartet, die sie kaum ermessen kann. Am meisten beeindruckt ist sie von diesen Sternfrüchten, die als unverserte Frucht belanglos gerippt wie Paprika wirkt, doch wenn man sie waagerecht in Scheiben aufschneidet, Sternmuster bildet und als natürliches Popkultur-Design an Glasrändern von Chemo-Cocktailes hängt. Sie hatte noch nie einen lebendigen Seestern in der Hand. Sie hatte nur einmal an einem von der kühlen Abendluft geleerten semi-Touristenstrand ein vertrocknetes Exemplar im Sand gefunden  - mit einem abgebrochenen Arm und einem verlorenen Auge. Seesterne verbringen ihr Leben im wesentlichen alleine und sind Langzeit-Ansäßige – praktisch die typisierten Einsiedler. Wenn Leute ein ihren Charakter beschreibendes Tier nennen sollen, wählen sie oft die Fledermaus als Symbol für Einzelgängerische Wesenszüge. Sie würde die Eidechse als Pendant ihrerselbst nennen. Sie hat sich noch nie über die biologischen Wesensmerkmale gedanken gemacht, sie denkt, dass die platonische-Verbindung daher kommt, dass sie Reptilien gerne mag: Aligatoren, Schlangen und Schildkröten. Sie hatte früher eine Landschildkröte gehabt. Es war in der Kindheitsphase, als sie um einen Hund gebettelt hat, sie jedoch eine Bitt-Ablehnung ohne Interventionsrecht in doppelter Ausführung erhielt und sich dann aus einer spinnen Idee heraus für ein Panzertier entschied. Ihr erstes und einziges Haustier nannte sie entgegend dem kindlichen Verlangen Kontraste zu zeichnen nicht „Flitz“, sondern „Slim“ – das Geschlecht kannten sie nicht und das spielte für sie auch keine Rolle, den Artgenossen waren weit und breit nicht bekannt. Sie mochte den Gedanken, dass „Slim“ sich zurückziehen konnte, wann immer es die Kröte wollte und sie mit ihrem Schlafraum von Ort zu Ort ziehen könnte. Wofür steht das? Für Unabhängigkeit? Spontanität? Unter diesen Umständen wäre sie doch lieber eine Schildkröte. Der ungleiche Parameter wäre nur das Tempo des Indie-Tiers. Aber trotz der geringen Fortbewegungsgeschwindigkeit, die diese Tiere an den Tag legen, konnten sie sie bei Umlandausflügen In Brandenburg im hohen Gras verlieren, sodass ihr Vater irgendwann mit der findigen Idee aufwartete, einen kleinen Empfänger auf ihren Panzer zu instalieren, um sie dann mittels Leucht- und Akkustiksignal zu orten. Außerdem hatte Lara sie bereits zwei Mal illegal ins Ausland eingeschmuggelt, einnal mit neun in die Schweiz, wobei sie die Kröte bedenkenlos in ihre Kleidungstasche steckte und einmal nach Italien bei einem dieser Sommerurlaube halb in eine tüte gehüllt in ihrem Rucksack. Der romanische Kontrolleur hat bei einem korrekten Pass einer Jugendlichen wohl kaum die Einführung eines nicht sachgerecht mit Reise- und Impfpass ausgestateten Reptils vermutet. Die misslungenen Mitnehm-Aktionen über musste das Kriechtier seinen Urlaub in dem umzäunten mit Wasserspender ausgestatten Garten verbringen. Eigentlich überleben Schildkröten Menschen, aber in einem Jahr, als sie das Tier wie gewohnt aus seiner Hibernation holen wollte und es aus der mit Sand gefüllten Schublade im Keller-Kühlschrang grub, erwachte sie nicht mehr und sie übergab sie der ewigen Starre im Garten. Sie hätte es nie geglaubt und zuvor immer mit einem müden Lächeln zurück gewiesen, dass ihr das Tier ernsthaft ans Herz gewachsen sei, aber sie hatte geweint und sie fühlte sich einsam. Einsam im Bett, wo Jahr um Jahr älter werdend neben ihrem Bettgestell ein mit Reptil gefüllter Panzer lag. Sie hatte die erste Zeit mit dem Gedanken gespielt in ihrer eigenen Wohnung wieder die Gesellschaft eines Krichtiers zu suchen, aber jetzt hat sie nicht mehr die Zeit und Muße – vielleicht auch nicht mehr die Zuneigung, um sich um ein weiteres Wesen zu kümmern.

Ihr entgleitet der Gedanken von Flashbacks und warmen Sand, das Bild von Asphalt und Passantenbeinen schiebt sich wieder in ihr Bewusstsein. Sie wirft wieder einen Blick auf ihre Zeichnung. Eine rote Hängematte muss es sein, aber sie hat nur einen Bleistift da. Sie guckt sich suchend um. Sie muss einen Zeichenshop aufsuchen und einen roten Filsschreiber kaufen. Sie packt ihre Sachen eilig zusammen und springt auf. Sie wischt sich noch den Staub von der Hose, der wahrscheinlich trotzdem schon einen dunklen Film von dem was man als Dreck bezeichnet auf ihrem gerippten weißen Stoff hinterlassen hat, und geht zügig die Straße hinunter. In einem Center findet sie schnell einen konventionellen Zeichenshop. Sie hat gerade einen einzelnen roten Schreiber gefunden, als ihr ein Angebot von vier Faserschreibern zu einen Dollar ins Auge fällt. Sie greift eine Packung von dem überquellenden Stapel eingeschweister Kinder-Filzer und geht schnurstracks zur Kasse. Diese Vier-Farbenkombination kennt sie auch von zu Hause: gelb, grün, rot und blau werden durch die Farbe der Plastikstifthüllen in typisch greller und kitschiger Akzentuierung dargestellt und von den Konsumenten als Grundfarbtöne identifiziert. Das ist falsch. Grün gehört nicht zu den Grundfarbtönen, schließlich lässt es sich durch die Mischung zwischen gelb und blau herstellen. Sie versucht sich nicht über die mangelnde Aufklärung über Farben in der Gesellschaft zu erbosen und folgt der leichten Säureansammlung in ihrem Magen. Wieder draußen in den Nebenstraßen betritt sie eine Konditorei oder besseres Café. Irgendwie hübsch, holzgetäfelt mit kleinen Zweipersonentischen. Gebäck, das nicht nur die Aufmerksamkeit der visuellen Wahrnehmung vereinnahmt, sondern auch die Geruchsknospen reizt. Auf dem Weg zur Theke saugt sie die süßlich durchsetzte Luft ein. Zwei Frauen und ein schwarzer Typ bedienen. Kunden sind da, aber keine Warteschlange. Pheromone – denkt sie – kein meinstream-Geruch von Axe oder Esprit life bestätigen die Assoziativ-Felder – etwas angenehm unkonventionelles droht die Ausschüttung von Rleasing-Hormonen aus zu lösen – hoffentlich nur Schokolade, denkt sie. Sie ist ein Controlling Typ, ihr Verstand hat auch alles jenseits des Musculus Constrictors unterworfen und sie bestellt. Brownies mit ganzen Wallnusshälften, die man sogar von Außen sieht. Am Tisch bemerkt sie, dass auch Kakao sich ihrer Hypophyse bemächtigen will und bis zur positiven Taxie vordringt, dann endet das animalische Instinktverhalten und kehrt zum humanen Intellekt zurück. Der gleiche Ablauf, wie bei ihrer Mandelöl-Seife: Marzipanduft das nach dem Waschen von ihrer Haut verströmt wird und nicht nur zur softnes jener Fasern beiträgt, sondern auch ein banales Hungergefühl nach sich selbst auslöst, bis die Entkopplung zwischen Stamm- und Großhirn wieder retrograd verläuft und das humane Intellekt die Regie übernimmt. Essend, malt sie ihre Insel samt Hängematte farbig aus. Sie versucht den neongelben Sand mit neongelben Punkten zu mustern und das Meerwasser durch Wellenlinien kenntlich zu gestalten. Sie fühlt sich etwas wie im Kindergarten, wo es „Malen nach Zahlen“ hieß, also die einzelnen Bildbereiche mit Ziffern bezeichnet waren und man in einer Legende die zugehörigen Couleurs ablesen konnte. Verfechter diesen Stumpfsinnes würden vermutlich behaupten, dass jene therapeutische Maßnahme den Kindern bei bringen soll, dass Baumkronen grün sind im Gegensatz zu Baumstämmen, die braun sind, als könnte ein gesundes fünf jähriges Kind noch nicht eine Beziehung zwischen Farben und Gegenständen des Alltags selbst erstellen – wahrscheinlich wieder ein kalkuliertes Produkt von einer grausamen Verblödungsstrategie, die bereits auf die jüngsten Mitglieder der Gesellschaft abzielt. Sie verspürt eine innere Genugtuung das deplazierte Zeitkontingent mit sinnentleerten Tätigkeiten vergeudet zu haben. Sie klaubt mit der Gabel die Krümel auf dem Teller zusammen. Endlich spürt sie die chronische Vibration in ihrer Hosentasche. Seit sie das Handy hat ist das akustische Signal auf off gestellt. Sie mag keine gegen Integrität und Intimsphäre verstoßende Klingeltöne – sie möchte so weit es geht Unicode und Unisex sein. Außerdem hasst sie es in Menschenansammlungsbecken jenseits von der willkürlichen Vermassung Telefonate zu führen. So unauffällig wie möglich zieht sie ihren Funkempfänger hervor und spricht ein „Yes“ in piano hinein. Es ist erwartungsgemäß ihr Vater. Er erklärt ihr vor der Kulisse undefinierbaren Lärms und der schlechten Verbindung trotzend mit einer noch schlechteren Aussprache ihren Fahrplan, um zu einem als Treffpunkt ernannten Club zu gelangen. Den Clubnamen, eine Subwaylinie und den Stationsnamen abgespeichert legt sie auf.

Sie sucht sich in der Nationen übergreifend typisch vollen Subway einen der letzten Sitzplätze am Fenster und isst einen Gartensalat mit wahrscheinlich kaum vorhandenen essentiellen Aminosäuren, aber einer farbenfrohen Gemüse-Combilation. Gegenüber von ihr sitzt eine Frau, die das angebliche statistische und empirisch ermittelte Gewicht jedes zweiten Amerikaners hat – der personifizierte Wohlstand oder auch nur Fastfoodkonsument – ein geschätzter BMI von 35. Vielleicht hatte Platon ja doch Recht und die Menschen wurden kugelig erschaffen und die Waschbrettbäuche sind ungesund und nicht artspezifisch. Allerdings sind dann außer der kugeligen Form nur der auf ein Doppelkinn reduzierte Januskopf und die auf vier reduzierten Spinnenextremitäten geblieben. Dabei hatte der antike Philosoph nie erwähnt, dass jene ursprüngliche Körperform durch Fettschichten erzeugt wird. Andererseits ist es ihm nicht zu verdenken, dass er noch keine Kenntnis von diesem Makromolekül hatte und vielleicht sollte es in Wirklichkeit auch keine Hypothese zu der magnetischen Anziehungskraft von Mann und Frau sein, sondern simpel eine Erklärung für die damals vorhandenen und nicht empirisch ermittelten korpulenten Zeitgenossen. Hätten die Menschen dennoch die platonische Anweisung befolgt, sich durch die Welt zu kugeln, hätten sich Since Fiction Weisheitslehrer auch nicht eine Theorie dafür aus den Fingern saugen brauchen, warum sich der Mensch den aufrechten Gang ausgedacht hat. Schließlich hat den Pygmäen diese Erkenntnis so gut wie nichts gebracht oder sie haben einfach den lakistischen Rat, ihre Hälse so lange zu strecken, bis sie giraffenartig werden, außer Acht gelassen. Sie bemerkt, dass sie die nächste Station aussteigen muss und drängt sich an der dicken Dame in Pink vorbei und greift einige freien Zentimeter Haltestange. Dass die Maximums-übergewichtigen völlig ungesund Wohlstandskrankheiten-gefährdet sind ist das Eine, aber, dass sie das allgemeine Desinteresse an dem Rest der Gesellschaft und irgendwelchen Rahmenwerten widerspiegeln ist das Andere. Sie würde nie abstreiten, dass Essstörungen nicht vor Allem ein Produkt von Hilflosigkeit und dem Versagen des menschlichen Behavours sind, aber zu einem gewissen Anteil sind sie auch nur ein stummer Schrei von Provokation und Rebellion. Sie ist sicherlich kein Stoer, aber Provokation heißt für sie Aufklärung und zwar verdeckt intelligent und nicht selbstzerstörerisch belästigend. Davon abgesehen wer will heute eigentlich mit was provozieren? Die Gesellschaft hat ihren Rahmen nicht erst seit gestern verloren, die einzigen die geringfügig als Moral bedingt erscheinen sind die so genannten Spießer, Preußen und Back-to-the-roots-Menschen. Nun dürfen die Menschen ihre individuelle Lebenskunst in so großem Stil wie es die Verfassung zu lässt ohne den Knigge ausleben. Konsequenzen darf es kaum noch geben und das Wort Verantwortung ist zu Gunsten von Teenagerforderungen auf soft law reduziert worden, so heißt es höchstens noch „man muss sich vor Gericht verantworten“, denn Kleptomanie und Spaß-Töten können immer noch nicht individuell und frei ausgelebt werden, aber dazu gibt es schließlich bereits erste Bemühungen wie cage-fighting. Das Ergebnis ist wohl mehr als zweifelhaft subjektiv. So sieht man die Autarkie-Kämpfer manchmal jammernd und zeternd, mit weit ausgestreckter, rot-braun gefärbter Hand in einer Ecke sitzen und „Und ich fasse trotzdem wieder auf die Herdplatte, wenn ich will!“ schreien. Dann kommt irgendjemand, der dem Wesen die Hand verbindet oder im Notfall auch abschlägt und mit nimmt und schließlich liegt die Hand irgendwo körperlos und alleine herum und der Körper kreischt immer noch halb wütend, halb verwirrt: „Ist mir doch egal“ und auf dem Boden daneben sitzt ein mit blauen Flecken übersätes Wesen das ruft: „Ich will keine Gravitation, ich will aber fliegen dürfen, denn ich bin in Wirklichkeit ein Vogel!“, und schlägt wutschnaubend, wahnsinnig mit den Armen. Dann kommt irgendjemand, der dem Vogel mühevoll versucht Federn anzunähen und schließlich laufen irgendwo nackte Hühner herum und der Vogel liegt rudernd auf dem Boden und grunzt dröhnend: „Ist mir doch egal“.

An der Oberfläche verlaufen die Underground Menschenmassen in denen des Overgrounds. Lara versucht dem Sog zu entkommen und begibt sich zu dem vermuteten Treffpunkt. Der Verkehr lärmt und erzeugt die somatische Einbildung, in der Atemluft würden sichtbare Partikel wirbeln, die nur darauf lauern von der menschlichen Lunge in seinen Organismus gesogen zu werden, um sich dort in dunklen Schichten ablegen zu können. Als sie unter dem Schriftzug „hazy sleep“ an einem zweifelhaft aussehenden Portier vorbei in einen musikerfüllten Raum streift, verwandelt sich der Smok in Clubdunst. Irgendwo an einem Tisch erspäht sie ihren Vater. „Hey.“, erwidert sie, als sie an seinem Tisch angelangt ist und setzt sich gegenüber von ihm hin. „Drink?“, fragt er in einer Getränkekarte blätternd. „Jo“, erwidert sie seufzend. Dann steht sie wieder auf und erklärt „WC“, wobei sie die Buchstaben einzeln, deutsch ausspricht. Als sie wieder kommt steht bereits ein Glas mit tiefschwarzem Inhalt an ihrem Platz. Es ist typisch für ihn, denkt sie. Vielleicht ein patriarchalischer Wesenszug von ihm: Machtdemonstration durch nicht Berücksichtigung der individuellen Vorlieben oder einfach nur das Wissen ihres Desinteresses nach jener sekundären Trinkfrage, da Lara so ziemlich alles ihrem Körper zu führt, was in einem flüssigen Aggregatzustand vorhanden ist. Sie nippt an dem ölschwarzen Getränk und stellt fest, dass es nicht zähflüssig ist, aber es sich durch die Alkoholkonzentration nur zähflüssig trinken lässt. „And?“, beginnt sie das Gespräch. Das simpelste Linkingword, welches eine Brücke zu bereits Geschehenem oder Besprochenen erneut assoziieren soll und im Normalfall auch realisiert: „Notthing. I’m not the typ they’re searching for… but the guys there were funny.” Sie schweigen. Das Casting hatte ihr Vater von Vornherein nicht Ernst genommen, er hätte es nur witzig gefunden eine Minischauspielerrolle zu bekommen und ein paar Dollars zu verdienen. Die Pause erfordert einen Themenwechsel und den haben sich die englischsprachigen Erdbewohner einfach gestaltet: Es genügt ein lang gezogenes und gleichzeitig zerknautscht klingendes „Well“ ertönen zu lassen. „What’s with your job? What are you doing now?“ Sie seufzt: “The same – but I don’t endure it anymore… I think…” „The feminist journal?“ Sie nickt sich mit einer Hand an ihrem Glas festklammernd. „Wasn’t it funny?“ Sie zerpresst ihr Glas jetzt fast: „Yea, anfangs… Lincoln would say: Government fort he female, by female and of female and I would express it with Tyranny!” Ihr Vater grinst: „You are… anspruchsvoll.“ Das mitschwingende Fragezeichen gilt nur der Richtigkeit des eingesetzten deutschen Begriffs. Kurz lehnt sie sich zurück und verschränkt die Arme vor der Brust, dann wechselt sie wieder eine legere Sitzposition. Sie mag es nicht wenn man ihre Emotionen an ihrer Körpersprache ablesen kann. Sie fühlt sich so weit von den Gedanken und Ansichten ihres Vaters entfernt. Aber es ist etwas, was sich nicht bei ihm auf das Alter schieben lässt, es ist eine andere Brücke von Distanz, die zwischen ihnen steht und das beklemmt sie manchmal, denn die Gene sind in ihrem individuellen Zellbauplan enthalten und, die stammen nun mal aus beiden parentalen Keimzellen. „Maybe.“, antwortet sie, versuchend den Gedankenstrang ab zu brechen. „Lebenslauf flows other way…“, hakt ihr Vater entspannt eiter nach, „I as capitalism tell you: you have no qualification – go home and die!”, dann schwächter seinen Ton fall ab: “And I as vater tell you: do what ever you want to do – I saved some Zauber of American dream for you – take it – eat it or how ever we should use it…” Sie verschränkt erneut die Arme. Sie weis worauf er anspielen will. Sie hatte schon manchmal darüber nachgedacht sich selbstständig zu machen, aber angesichts des überschwemmten Markts von gescheiterten Individualisten diese Seifenblase mit dem Argument der finanziellen Basis platzen lassen. Aber das ist es nicht nur – das weis sie. Es ist zu viel für Akzeptanz und zu wenig für Veränderung. Auch ein Punkt bei dem sie zwar dicht beieinander stehen, jedoch auf den gegenüberliegenden Seiten. Er ist auch kein Weltveränderer, er lebt auch nicht für die Welt, aber mit ihr – teilt ihre Freuden und zwängt sich durch ihre Lücken und bahnt sich seinen Weg. An die Philosophie der Self-fulfilling prophecy glaubt sie hingegen erst recht nicht und, um an sich selbst zu glauben ist sie zu pessimistisch. “Maybe you win the contest of life…”, er hatte ihre Emotionen abgelesen, aber winkelt jetzt seine Lippen zu einem Lächeln: “ you know: Life is a joke, I just understand.” Sie denkt an einen anderen Liedtext. “And what does life spends me?” “Fear?”, gibt er emotionslos zurück und zuckt mit den Achseln. Bei ihrem Vater scheint es immer, dass er nur irgendwelche Meinungen gedankenlos und kopiert daher plappert, aber der Wahrheitsgehalt seiner Phrasen treffen sie jedes Mal. Das ist es was sie zwischen ihren Lungenflügeln presst: Die Unüberschaubarkeit der Konsequenzen und die Ausrede, dass sie nicht einmal ein viertel Jahrhundert auf der Erde ist, erscheint ihr mit der Zeit immer unglaubwürdiger. Er hatte wieder ihre Emotionen abgelesen: „Not Qualification“, er überlegt einen Moment: „Du hast kein passion!“ Im Allgemeinen streitet sie das nicht ab, dass sie sich nicht für ihre Berufslaufbahn aufopfert und immer in ihren Jobs die Kosten-Nutzenbilanz im Auge behält, aber „Pasion“ klingt irgendwie nach mehr. Leidenschaft bedeutet Lust und Lust bedeutet Wohlbefinden und ist das Glück… Sie versucht nicht den diesen Parameter mit ihrem Leben abzugleichen. Er lehnt sich aufseufzend zurück: „Why don’t you move here?“ Ihr Gehirn regestriert den erhofften Themenwechsel, erkennt aber die gleiche Komplexität. Ein Angebot, das er schon oft gemacht hat und das sie immer nur mit einem nachdenklichen Gesichtsausdruck und einem energischen Kopfschütteln abwies. “Türen stehen offen, damit man hindurch geht!“, dass hatte immer ihr Chemielehrer gesagt, wenn sie die Schulordnung befolgend vor dem Fachraum auf ihn gewartet hatten. Der Satz ist ihr in den letzten Jahren wieder eingefallen. Vielleicht gilt das auch für das Leben, denkt sie, dass irgendwo Türen offen stehen und man nur ohne bürokratisches Klopfen hindurch gelangen kann, aber ihr waren diese Türen nie aufgefallen. Sie hatte höchstens das Gefühl ab und an durch eine Bodenfalle zu stürzen. Vielleicht hatte ihr Vater ihr schon oft eben diese doppelflüglige Palasttore geöffnet, an denen sie bis jetzt immer achtlos vorbei geschländert war.