Ein sich ständig wiederholendes Klingelgeräusch dringt an ihr Ohr. Hatte der Wecker nicht schon einmal geklingelt? Verschlafen öffnet sie ihre Augen einen spaltbreit. Helles Licht dringt durch ihre Wimpern an ihre Pupillen. Überreizt kneift sie die Augen wieder zu und kriecht genervt unter ihrer Bettdecke hervor. Sie schaut sich nach ihrem Wecker um und stöhnt. Das Klingeln ertönt noch einmal, aber etwas vorsichtiger und leiser. Es war nicht ihr Wecker, sondern die Tür. Sie schlüpft langsam aus dem Bett, läuft zum Badezimmer und knotet sich hastig ihren Morgenmantel um. Sie öffnet. “Post”, ruft ihr ein Mann im mittleren Alter mit Basekap und Stoppelbart entgegen. Dann drückt er ihr einen kleinen Stapel Briefe, oben auf ein kleines quadratisches Päckchen, in die Hand und hält ihr ein Scanner für eine Paketempfangsbestätigung entgegen. Sie kritzelt wortlos ihren Namen auf die glatte Oberfläche des Touchscreens und schließt die Tür, nachdem er sich mit einem lang gezogen, fröhlichen “Ok. Tschüß”, verabschiedet hat. Sie läuft verschlafen zurück ins Schlafzimmer, lässt den Morgenmantel vor ihrem Bett fallen und kriecht mit der Post wieder unter ihre Bettdecke. Einen Moment lang presst sie den noch angewärmten Stoff an ihren nackten Körper, dann blickt sie sich nach ihrem Wecker um. Er musste irgendwo runter gefallen sein. Sie findet ihn an ihrem Kopfende am Boden liegend, aber sie will gar nicht wissen, wie spät es ist. Sie robbt wieder tiefer in ihre Decke und wendet sich ihrer Post zu. Sie wirft das Päckchen auf den Boden und nach und nach auch die Briefe – sie interessieren ihre Rechnungen und Mahnungen nicht. Sie hat ständig Mahnungen, weil sie ihre Briefe meistens nur irgendwo hinwirft und sie dann vergisst. Das Problem ist, dass einige Dinge einfach nicht auf Abbuchung gestellt werden können, um die sie sich dann selbst kümmern muss. Sie dreht sich auf den Rücken und starrt müde an die Decke. Die Luft im Zimmer ist kalt, sie hat keine Lust ihr warmes Bett zu verlassen, sie würde sich am liebsten in ihr Kissen vergraben und einfach weiter schlafen. Sie winkelt die Beine an, zieht die Bettdecke über ihre Schultern und seufzt. Sie müsste eigentlich aufstehen. Sie hat vor vier Wochen eine Aushilfsstelle bei Creative & Co, einer Marketing Firma, bekommen. Sie arbeitet mit einem Team zusammen, das beauftragt wurde eine neue Werbecampagne für Saturn zu gestalten. Der Elektromarkt will nach fünf Jahren weg vom Geiz-Ist-Geil-Image und auf den konjunkturellen Aufschwung reagieren.
Sie gibt sich einen Ruck und windet sich aus ihrem Bett. Schnell schließt sie das Fenster und schaut mit zusammengekauerten Körper nach draußen. Der Himmel ist eine hell- bis stahlblaue Fläche. Er wirkt künstlich, als hätte ihn jemand wie eine Tapetenrolle über den Hochhäusern festgeklebt und glatt gestrichen. Wie sollte man an solch einem synthetischen Tag kreativ sein? Sie Genießt noch einen Moment die Helligkeit des Tageslichts, das sich in ihren Augen reflektiert, von ihnen absorbiert wird und die Müdigkeit aus ihrem Kopf drängt, dann streift sie durch ihr Zimmer und sammelt die auf dem Boden liegenden Kleidungsstücke auf. Sie geht in den Flur und wundert sich über ein rotes Sockenpaar, das auf dem Küchenboden liegt. In der Hinsicht ist sie faul – zu faul ein Shirt bis zum Badezimmer zu tragen, obwohl sie im Grunde ein ordentlicher Mensch ist. In ihren Unterlagen und Ordnern herrscht eine penible Ordnung. Das ist wieder einer dieser Begriffe, welcher nur mit einer bereits aufgesetzten Wertung verwendet werden kann, obgleich Ordnung frei persönlich interpretierbar und definierbar ist. Sie könnte genauso gut behaupten, dass das, was sie hier betrieb Ordnung ist. Sie ist mit einem wirren Stapel Wäsche, den sie Wärmend an ihre Brust presst, im Badezimmer angekommen und will ihn gerade in den Bast Wäschekorb stopfen, da hält sie inne, läuft zurück in die Küche, quetscht die Kleidung in die Wäschetrommel und schaltet ihre Waschmaschine an. Hockend und die Arme um ihre Schultern geschlungen starrt sie in den wirbelnden und schäumenden Schlund hinter dem Bullauge. Sie muss noch unbedingt duschen und Haare waschen – sie will heute zum Friseur gehen. Warum musste man die Haare auf dem Kopf überhaupt so pflegen? Die Haare auf Rücken und Beinen verfilzen auch nicht und selbst die Augenbrauen braucht man nicht mit Seife waschen. Dennoch sind es gerade die pflegeleichtesten Haare, die die Menschen akribisch aus zu rotten versuchen, damit wie sie Nacktschnecken aussehen, fest in dem Glauben ihr haarloser Körper würde dadurch an erotischer Attraktivität gewinnen. Ein haarloser Kopf hingegen soll laut Normen nicht zur Sexyness beitragen, das reden sich nur Männer unter 40 ein, um keine untherapierbaren Komplexe zu entwickeln. Sie schüttelt den Kopf und rafft sich auf, läuft ins Badezimmer, steigt in die Duschwanne und lässt warmes Wasser über ihren Kopf, ihre Haut herunter fließen. Sie muss endlich anfangen, sich mit Saturn zu beschäftigen. Sie brauchen einen neuen Slogan und eine veränderte graphische Darstellung. Das Orange, das Outro und die weibliche Galaxie-Stimme bleiben. Die drei Komponenten findet sie auch klasse – schließlich werden Aliens normalerweise immer als männlich assoziiert. E.T. und seine kleinen grünen Freunde beschreiben die Zielgruppe von Kindern unter zwölf, ein weibliches Wesen aus dem Space hingegen, wirkt auf Männer, wie auf Frauen, anziehend. Die einen feiern die Erhaltung der Art, die anderen die Manifestierung der weiblichen Emanzipation im All. Die Galaxie-Stimme gehört allerdings bis jetzt noch zu einer Brechreizauslösenden, Computeranimierten Cyber-Frau, die ihren reizlosen Körper den Kunden splitternackt präsentiert – eben “Geiz ist geil”. Den Zahlen nach zugegebenermaßen eine Kombination, mit der Jung von Matt damals das Herz der Kunden getroffen hatte. Nun jedoch will der Elektromarkt seine hohle Billig-Kriegserklärung modifizieren lassen. Sie hat vorgeschlagen den animierten Körper für die neue Campagne in ein hautengen, metallfarbenen Weltraumanzug zu stecken – auch wenn sie am liebsten Peter Lichts Bitte um die Restsexualität verwirklichen würde – aber Nora aus ihrem Team glaubt, dass die Welt noch immer nicht völlig befreit sei und will sie “femininer” und “sinnlicher” gestalten, um die Nähe zu Technik und Kunden zu vermitteln. Wirklich egalitär wäre es, wenn eine Frau mal nicht als überzeugte Hausfrau Waschpulver, oder ein anderes Produkt mit ihrer Physis verkaufen müsste, aber vielleicht konnten sie es auch nicht anders. Nora und der andere Snob wollen heute ihre ersten Arbeitsergebnisse präsentieren. Als neues Gesicht haben sie eine Veronika Hugo angeworben – Schauspielerin, angeblich, aus Südamerika.
Sie verteilt das durchsichtig blaue Duschgel über ihren Körper. Die dezente Version dieses typischen Geruchs dringt in ihre Atemluft. Sie hatte in der Drogerie ohne nach zu prüfen welche Geruchsnote auf der Flasche angepriesen wurde, eine schwarze Duschgelflasche gegriffen. Schwarz, zum einen, weil es schlicht ist, und zum anderen, weil schwarzes Plastik recycelt sein konnte. Erst beim Duschen bemerkte sie, dass es “for man” ist – es steht in kleinen weißen Lettern unter dem Markennamen. Dafür ist auf ihrer Shampooflasche ein Frauenkopf abgebildet, in deren weiß schaumigen Harren sich zwei Hände vergraben. Sie spült die Seife von ihrem Körper und steigt mit einem umgewickelten Badetuch aus der Duschwanne. Kleine Wasserperlen bilden sich auf ihren Waden und laufen ab. Sie knotet ihre nassen Haare zusammen und macht sie mit einer Spange fest. Die synchronisierte Stimme von Cyberwoman mag sie, weil sie sie an den Duplo Reklamespot aus ihrer Kindheit erinnert. Eine Außerirdische trifft auf einen Typen, der ihr “die wohl längste Praline der Welt” anbietet. Als Kind dachte sie immer, dass die Marketingfirma es so formulieren musste, weil sie entweder nicht genau wussten, ob es wirklich die längste Praline auf der ganzen Erde war, oder weil sie es ebnend mit Bestimmtheit wussten und sich sonst strafbar gemacht hätten. Damals kannte sie das Wort Globalisierung noch nicht.
Mit flüchtig geföhnten Haaren läuft sie zu ihrem Kleiderschrank, zieht ein kurzes rotes T-Shirt und eine braune Kordjacke mit großen runden braunen Knöpfen heraus, streift sich beides über und zieht eine schwarze Hose an. Als sie sich kurz im Spiegel betrachtet, bemerkt sie, dass der Saum ihres linken Hosenbeins aufgegangen ist. Sie kramt in einer Box auf ihrem Schreibtisch, fischt zwei Sicherheitsnadeln heraus und steckt sich die eine zwischen die Lippen, während sie mit der anderen einen Teil des herabhängenden Saums befestigt. Auf dem Weg zurück ins Bad fällt ihr ein, dass sie um zwei in der Firma sein soll. Hastig läuft sie zurück zu ihrem Bett und hebt ihren Wecker auf – 12.00 Uhr. Hektisch läuft sie durch die Wohnung, stopft irgendwelche Mappen, von denen sie nicht genau weiß, ob sie sie wirklich braucht, in ihre Tasche, reißt Mantel und Schal vom Hacken und stürzt nach draußen. Das offene Fenster im Badezimmer vergisst sie und ihre Waschmaschine läuft auf Automatik.
Sie kauft sich in einem kleinen Kaffeehaus einen Kaffee-to-go und läuft zügig die Straße hinunter. In Kürze ist sie bei einem dieser 10€-Kettenfriseure angelangt und tritt an den Tresen. „Hallo“, ruft ihr eine junge Frau mit blau gefärbten Haaren entgegen, „Was hätten Sie denn gern’?“ „Einen normalen Schnitt.“ Sie merkt nicht, dass sie nervös und busy an ihrem großen Pappbecher nippt. „Dann ziehen Sie bitte eine Nummer.“, meint die Frau mit einer fast quietschenden Stimme und deutet auf ein kleines Gerät. Lara zieht ein Papierfetzen auf dem die Ziffern 21 in dicken schwarzen Letter zu lesen sind und lässt sich in einen der Ledersessel fallen. Sie sucht den Raum mit ihren Augen kurz nach einer Anzeigetafel ab, bis sie sie entdeckt und feststellt, dass sie die nächste ist. Sie lehnt sich zurück und nimmt noch einen großen Schlug von der warmen hellbraunen Flüssigkeit. Kaffee ist eine Leidenschaft von der sie nicht genug bekommen kann. Sie fasziniert es, dass eine düstere Brühe ein derartig unwiderstehliches Aroma verströmen lassen kann und dazu noch ein gelöstes Aufputschmittel in nur Milligrammkonzentration frei setzt. Müde legt sie ihren Kopf auf die obere Kante der ledernen Rückenlehne und schließt für einige Sekunden die Augen. In etwa einer halben Stunde wird die fharmakologische Substanz in ihrem Blut die höchste Konzentration erreicht haben und nach der Überwindung der Blut-Hirn-Schranke im ZNS angelangt ihre Dopaminkonzentration stabilisieren, ihre Melatoninsynthese blockieren und ihren Sympathikus stimulieren. Manchmal findet sie es befremdlich, dass sie ihren Körper jeden Morgen mindestens zwei Stunden unter Drogeneinwirkung agieren lässt. Dann meint sie fast die steigende Adenosinkonzentration in ihrer grauen Masse zu spüren und zu registrieren wie die Aktivität ihrer Neuronen stabilisiert und stimuliert wird. Konzentration und erhöhte Aufmerksamkeit auf Grund von Manipulation. Mit noch 149 weiteren Tassen oder 447 zusätzlichen Dosen Cola würde sie die humane letale Dosis erreichen und könnte sie Suizid begehen. Aber sie belässt es normalerweise bei zwei bis vier Stunden Wirkungsphase in ihrem Körper. Der Ruf: „Sie können kommen!“, reißt sie aus ihren Gedanken. Sie stellt ihren Becher auf der Ablage vor einem großen Spiegel ab und setzt sich in den Stuhl davor. Bis die Haardesignerin fertig ist, versucht sie den erzwungenen Smaltalk mit nichtssagenden Füllworten zu überbrücken. Mit zehn Zentimetern weniger Haar zahlt sie neben den Cut-and-go-10€ widerwillig das so genannte Trinkgeld und verlässt rasch den Giftgeruchladen. Sie versteht nicht, warum man selbst beim Friseur eine Zuzahlung machen soll. Nur weil es ein Beruf aus der Dienstleistungsbranche ist? Irgendwann wird man wahrscheinlich auch noch in Lebensmittelgeschäften und beim Schuster und schließlich auch bei der Fahrscheinkontrolle sein Portemonnaie für eine milde Gabe offen halten müssen – was für ein Blödsinn, dann sollten sie ihretwegen doch alle die Preise erhöhen, dann hatte man wenigstens eine konkrete Zahlungssumme und nicht schwammige Prozentangaben. Ihre U-Bahn fährt gerade ein, als sie die Treppen hinuntergestürzt kommt und sie schafft es noch in den letzten Wagon zu schlüpfen. Ihr Blick fällt auf eine Saturnwerbung der alten Campagne. Sie sieht weg. Je intensiver sie sich damit beschäftigt, desto abscheulicher erscheint ihr das Spar-Image des Elektromarkts. Vivienne Westwood nennt das die Droge Konsumismus und mit dem Vergleich trifft sie Laras Meinung nach den globalen Konsumzwang ziemlich gut. Lara ist vor kurzem in dem Archiv eines Online-Magerzinses auf ein Interview mit der Designerin gestoßen. In der Einleitung hat der Journalist ihre nachstehenden verkappten Wahnsinnsanfälle mit der Bezeichnung: „der lebendige Widerspruch“ relativieren wollen, für Laras Begriffe zu milde ausgedrückt. Westwood ist wohl eines der anschaulichsten Exempel dafür, dass sich Menschen in ihren eigenen Ideologien und Philosophien verlieren können und Provokation in ein blindes Abheben von der Realität ausarten kann. Bei der Frau schwirren zwar schon so einige gute Denkansätze oder auch Ideen im Hirn herum, wie bei Nietzsche oder Platon, aber da Oben musste auch einmal eine gewaltige Sicherung durchgebrannt sein. Bereits Seneca sagte, dass es kein Genie ohne Beimischung von Wahnsinn gebe – vielleicht hatte er Recht und Künstler müssen einfach den Boden unter den Füßen verlieren, an Borderline erkranken, wie Thomas Mann es ausdrückt „außermenschlich, unmenschlich und zum Menschlichen in einem seltsam fernen und unbeteiligten Verhältnis stehen“. Aber vielleicht ist Westwood einfach zu alt, um zu erkennen, dass das was sie tut auch nur eine andere Art von Quatsch ist, wenn sie sich jetzt selbst vom Punk distanziert, weil er gescheitert war oder nicht die Welt verändert hat. Denn Westwood tut es doch wie alle anderen: sie vertritt eine radikale Auffassung vom Antikonsum und der Individualität eines Menschen und bedient sich dennoch der Konditionen der heutigen Gesellschaft, um sozialpolarisierend und exzessiv an die Öffentlichkeit zu gelangen und Kleidung ist in der nicht enden wollenden Fashion-Epoche kein schlechtes Sprachrohr. Selbst Lara hatte sich vor einem Jahr ein T-Shirt von der Modeschöpferin secondhand gekauft und es jetzt auf ihrer USA Reise das erste Mal angehabt. Es war ursprünglich die Antwort auf eine Gesetzesänderung in Großbritannien, aber Statements lassen sich leicht persönlich uminterpretieren. So stand sie beim Check out auf dem New Yorker Flughafen mit dem Satz: “I AM NOT A TERRORIST – PLEASE DON’T ARREST ME”, auf der Brust vor dem Kontrolleur. Der starrte auf die Worte auf ihrem T-Shirt, verglich provokativ intensiv ihren Pass mit ihrer realen Person und hätte sie wahrscheinlich am liebsten sich ausziehen, filzen, scannen und aufschneiden lassen. Sie hatte mit allem gerechnet, aber das wäre es ihr auch wert gewesen, doch anscheinend war nicht einmal der Kauf von American Idiot bei Amazon vor drei Jahren verdächtig: der Typ gab ihr mit einem strafenden Blick den Pass wieder und ließ sie gehen. Als sie ihr Gepäck abholen ging, starrten auch zwei Angestellte zunächst auf ihre T-Shirt Aufschrift, aber brachen dann in schallendes Gelächter aus. Sie blieb ernst. Irgendwann meinte der eine, indem er auf ihr T-Shirt zeigte: „Do you know whats whriten there?“ Sie schaute hinunter auf ihre Brust und meinte dann immer noch ernst, mit einem akzentfreien US-amerikanischen Englisch: „Yes, I just thourth that its better to tell it, so we got no missunderstanding.“ Darauf lachten die beiden noch lauter.
Es gibt immer wieder einzelne Menschen, die glauben, dass sie, ausgerechnet sie und kein anderer, mittels Kleidung, Politik, ökologischer Ambitionen oder ihrer reinen Existenz die Welt verändern könnten. Aber die Gesellschaft ist eben nicht theoriekompatibel – Herrschaftsfreie Demokratie und Kommunismus sind schließlich auch an dem Individualismus und der Fehlerhaftigkeit der Einzelnen gescheitert. Es ist ebnend die Kunst, die es nicht zu verfehlen gilt, gegenüber seinem eigenen Nihilismus eine gewisse Distanz zu waren, um nicht völlig Gesellschaft entfremdet zu werden. Marks meint, dass Philosophien bis jetzt nur die Welt interpretiert haben und fordert endlich die Veränderung der Selben. Lara ist Realist. Sie hat nicht vor die Welt zu verändern oder eine Parallelgesellschaft zu installieren – sie will nichts.
Nachdem ein von Rauschen verschlucktes „Endstation“ durch die Lautsprecher dröhnt, steigt sie aus und läuft wieder nach oben ans Tageslicht. Punkt 14 Uhr befindet sie sich in dem Büro, das für die nächste Zeit der hermetisch abgeschlossene Sicherheitstrakt für ihre Geistesblüten bleiben wird. Als sie sich auf einen gepolsterten Bürostuhl setzt, klingen ihr wieder die von ihrem Chef In einem gemächlichen Sprechtempo erläuterten Anweisungen und Wünsche, des Geschäftsführers von Media-Saturn-Holding in den Ohren: “Service – Qualität – Technik”. Er betonte jedes Wort mit einer stoischen Ausgeglichenheit und machte dazu eine Pokermine, ein Mann der selbst Kunden von der Nützlichkeit und Qualität der neuen Jackson Platte überzeugen könnte, auch wenn er dabei die Formulierung musikalische Selbstvergewaltigung in den Mund nehmen würde. Sie hingegen fragt sich von Tag zu Tag in diesem Büro eindringlicher, was sie hier eigentlich tut. Ihr wird bewusst, nicht, dass es ihr nicht bereits davor klar war, aber selbst reine Gedankenklarheit kann noch an ungeanter schmerzender Schärfe gewinnen – ihr wird bewusst, dass sie keinen alles durchdringenden Teamgeist hat. Ebenso keinen Sportsgeist und auch nicht sonstige Geister. Also grundsätzlich schon, aber der Geist macht vor einer bestimmten Art von Menschen einfach Halt! Falls Creative & Co sie dennoch fest anstellen würden, würde sie wohl kündigen müssen – nein das würde sie sicherlich nicht tun, aber eine Chance auf eine Anstellung sieht sie jetzt schon nur sehr gering und das ist auch besser so.
Nach Arbeitsschluss begegnet sie ihrem Kollegen Stefan im Treppenhaus. „Hey, wie bist du eigentlich auf diese Firma gekommen.“, fragt er beiläufig. Für Lara klingt es nach einem typischen „Lass-uns-ins-Gespräch-kommen-Satz. Sie hat eigentlich keine Lust zu reagieren – sie mag lieber die direkte Methode – aber nach einigen Sekunden sagt sie gelangweilt: „Stellenanzeigen.“ Er hält ihr die Tür auf: „Und warum Marketing?“ Sie bleibt stehen und seufzt: „Ach, es hat mich interessiert, auch, obwohl ich wusste, das es schmierig sein würde, aber mir war nicht klar, das es derart schmierig sein würde…“ Das erste was sie assoziierte, als sie die Stellenausschreibung von Saturn las, war die Eliminierung ihres Kindheitskinos „Royal Palast“ am Zoo, wo jetzt eine dieser Cyber-Filialen Geiz propagiert und sie hasst Saturn dafür und hat sich vorgenommen diesen von Größenwahn infizierten Schrottladen in den Ruin zu treiben – wenigstens für das „Royal“. Er doktort an seinem Reißverschluss herum: „Tja, das ist wohl hartcore life.“ Sie steht immer noch und er zieht an dem Reißverschluss. „Fährst du mit der S-Bahn?“ Sie muss einen Moment lang überlegen, was sie jetzt überhaupt zu tun hat und als ihr der Zahnarzttermin einfällt, erwidert sie: „Ja.“ Sie laufen den Gehweg entlang. „Und, warum interessiert dich Marketing?“ Er grient: „Ich halte mich für kreativ – ich verbringe auf jeden Fall auch meine Freizeit damit.“ Sie vergräbt die Hände in den Taschen. Sie hasst Antworten oder überhaupt Sätze, die nur reines Kalkül sind, um eine weitere Nachfrage zu bewirken. Man soll so etwas sagen wie: „Ach, was denn?“ oder „Woher weißt du das denn?“ Einer dieser Momente, für die ausnahmsweise eines dieser lästigen, besserwisserischen Sprichwörter zutrifft: „Schweigen ist Gold“. „Wie leben sie ihre Kreativität aus?“, entfleucht es ihr. „Graffiti“, erwidert er und spricht das Wort in einem englischen Slang aus. Abstrakte Kunst interessiert sie. Sie hatte sogar mal einen Versuch gestartet ihr Wohnung modern zu Streichen, allerdings hat sie dabei gemerkt, dass sie handwerklich zwei linke Hände hat. Als sie aus der Wohnung auszog, brauchte sie extrem viele Eimer weiße Farbe, um ihr Pilotprojekt aus zu löschen. „Wo gibt es eigentlich die legalen Graffiti-Wände? Ich will mir immer schon mal so etwas anschauen, aber anscheinend laufe ich blind durch die Stadt.“ Er zuckt lässig mit den Schultern und meint: „Ehrlich gesagt weiß ich das auch nicht.“ Sie ist zwiegespalten bei diesem Thema – Graffiti ist für sie ohne Frage Kunst, aber sollte man öffentliche Gebäude wie Kindergärten oder Privathäuser mehr oder weniger beschmieren dürfen? Andererseits kann es ein Mittel sein, um an die Öffentlichkeit zu gelangen. Es gibt schließlich auch diese Künstler, die im Prenzlauer Berg farbige Motivaufkleber auf die Signalleuchten von Faradampeln geklebt hatten. Sie findet es klasse, denn es macht die City bunter und lebendiger und stört keinen, noch ist wirkliche Sachbeschädigung. Ein Grund dafür, dass sie in diesen Stadtteil gezogen ist. „Ein politisches Statement?“, fragt sie grinsend. Er mustert sie kurz und meint dann grient: „Ja, ich bin für die Unabhängigkeit des Freistaats Bayern.“ Sie grinst. Als sie in ihre erste Wohnung zog war sie auch auf diesem Independance-Trip – sie hatte sich auf jeden Fall ein Schild mit der Aufschrift: Hinter dieser Tür befindet sich unabhängiges Territorium und ist somit von Recht der Bundesrepublik Deutschland entbunden.“ Gemalt und an ihre Wohnungstür geklebt. Als sie merkte, dass ein Typ mit Springerstiefeln und braunen Klamotten zwei Etagen über ihr wohnte, klebte sie ein Schild mit den Worten: „All people are createt equal“ an ihre Wohnungstür. Damals hatte sie schon darauf gewartet, wann er sie zusammenschlagen würde, oder wenigstens in ihre Wohnung einbrechen würde, aber es war nichts der gleichen passiert. Vielleicht konnte er auch einfach kein Englisch – das ist schließlich auch „Ausländersprache“. Stefan bleibt vor Mc Donalds stehen. „Hey, ich hole mir eine Cola – willst du auch etwas haben?“ „Danke.“ Sie schüttelt den Kopf. Er verschwindet hinter den Türen des amerikanischen Fastfoodriesen und kehrt kurz darauf mit einem großen roten Becher mit dem vertrauten weißen Schriftzug zurück. „Hey, was hast du eigentlich gegen den Claim „Wir lieben Technik – wir hassen teuer“?“ Sie stöhnt: „Es ist vielleicht stilistisch interessant, auch wenn es nach einer Repro á la Wir-lieben-Lebensmittel-Edekar und Ich-liebe es-Mc-D. klingt, aber dieses hassen wirkt auf mich einfach nur völlig aggressiv und klingt weder nach Service noch nach Qualität.“ Er kaut an seinem Getränkehalm und schmunzelt: „Ok. Du hast Recht. Aber die Menschen… oder zumindest Saturns Zielgruppe catcht nur noch dreiste Provokation – das war mit dem vorigen Claim doch dasselbe.“ Sie schüttelt unmerklich den Kopf. „Und hey, wir lieben Technik hört sich doch wirklich nach einer netten Liebeserklärung an, das mildert den zweiten Teil des Doppelclaims ab.“ Sie stößt abwertend Luft aus der Nase: „Nur komisch, wenn der erste Satzteil grammatikalisch richtig ist, und der zweite nicht.“ Er grient: „Was wäre denn besser gewesen: Wir lieben Technik und hassen Teures oder wir lieben technisch und hassen teuer?“ Sie fällt ihm trocken ins Wort: „Klar, den Claim kannst du dann zusammen mit Cyberwoman an den Betreiber einer 0190-Nummer verschachern.“ Er lacht auf: „Ja, Cyberwoman, wie du sie nennst, ist wirklich eine Sache für sich. Wie Chris gefragt hat: Könnt ihr euch mit ihr identifizieren?“ Sie erwidert verärgert: „Immerhin eher als mit dem Schwein von Mediamarkt!“ Er klopft ihr auf die Schulter. „Na, dann hat die Konkurrenzausschaltung ja geklappt!“ Sie laufen eine Treppe, die auf den Bahnsteig der S85, hinauf führt. „Schade, dass wir nicht Telefonkonzern-Alice samt rotem Kleid abwerben können, die fand ich wenigstens noch witzig.“ Er lacht. „Wir hätten auch Verona Poth anwerben können – die ist doch für so gut wie alles zu haben.“ „Tut mir leid, aber die Frau hat doch nun wirklich nicht mehr als Stroh im Kopf!“, entgegnet sie abwehrend. Er macht ein ernstes Gesicht: „Und Esel fressen Stroh!“ Sie stöhnt: „Ist es wirklich so, dass unsere Zielgruppe ausschließlich aus Bildlesern und unterbelichteten Hölenmolchen besteht?“ Er stößt sie an die Schulter: „Hey, Bildleser haben wenigstens immer eine Meinung zur aktuellen Politik parat und die Hölenmolche stören mich nicht. Wir müssen nur darauf achten, dass wir eine simple Sprache – am besten keine ‚Anglizismen – verwenden, wenn wir mit ihnen kommunizieren wollen und da liegen wir mit „wir hassen teuer“ doch schon ganz gut. Schließlich musste Sat1 auch seinen Werbeslogan: Powert by Emotionen, durch einen deutschen ersetzen, weil viele “Gepudert durch Gefühle” verstanden haben.” Sie nickt grinsend: „Stimmt, daran kann ich mich auch noch erinnern. Eigentlich war die Message ganz genial, aber was will man mit einem genialen Slogan, wenn ihn die Konsumenten dieses Privatsenders nicht verstehen… die haben sogar ihre minderwertigen Nachrichten abgesetzt – wie weit kann man denn verfallen?“ Stefan räuspert sich: „Die haben vor einiger Zeit damit geworben, irgendeinen hochkarätigen Journalisten als neuen Nachrichtensprecher im Programm zu haben, dann nehme ich an, werden sie auch wieder ihre visuell, vertonte Boulevardpresse aufgegriffen haben.“ Lara grinst wieder: „Ein hochkarätiger Journalist?“ Eine Bahn fährt ein. Er macht eine abwertende Handbewegung: „Das, sagt Sat1 – ich habe keine Ahnung, ob er wirklich Qualität hat. Ok. Das ist mein Zug, bis dann.“ Sie hebt auch kurz die Hand und geht dann zum gegenüberliegenden Bahnsteig. Sie prüft in ihrer Jackentaschen nochmals nach, ob sie ihr Bonusheft eingesteckt hat – sonst kann sie sich den Zahnarztbesuch auch sparen. Sie hält nichts von Medizinern, auch nicht von Heilkundlern oder Kräuterhexen oder sonst welchen zweifelhaften Doktoren, die entweder den menschlichen Körper isoliert ohne jegliche psychische Intervention betrachten oder einfach jede Ursache auf die Psyche schieben – dafür benötigt sie keinen Arzt, das kann sie auch zu Hause vor dem Spiegel machen.
Lara sieht sich in der Praxis um. Sie hofft, dass sie nicht zu lange warten muss, denn sie hat Momo gleich nach dem Zahnarzttermin platziert. Sie nimmt ihr bestempeltes Bonusheft entgegen. Die Sprechstundenhilfe sagt nicht “Bitte ziehen Sie eine Nummer” – stattdessen aber: “Nehmen Sie Platz, Sie werden aufgerufen”. Als die neue Gesundheitsreform aktiviert wurde, wollte ihr die selbe Sprechstundenhilfe 10 € Praxisgebühr abzocken,, erst eine Kollegin konnte sie wieder besänftigen und erklärte ihr Ullas neue Vorschriften für Kontrolltermine beim Zahnarzt – Sprechstunden sind wahrscheinlich alle korrupt und habgierig, aber da sie so eine minderwertige Stellung und Qualifikation haben, traut ihnen das keiner zu. Lara hängt ihren Mantel an einen Garderobenhaken und lässt sich auf einem der quadratischen Lederhocker, die an der Wand aufgestellt sind, fallen. Dann steht sie noch einmal auf und zieht eine in einem extra Papierumschlag eingebundene Zeitschrift aus der Literaturauslage. Sie schlägt das eigentliche Cover auf: Es ist die aktuelle Ausgabe der “Micky Maus”. Sie blättert Die Zeitschrift durch und erinnert sich an die alten Comics. Ihr Vater hatte sie ihr immer aus den USA mitgebracht. Als Kind hatte sie nicht viel verstanden und sich die Handlungen über die Bilder erschlossen. Aber noch besser fand sie die Filme aus den 60ern in denen die vermenschlichte Maus noch aus ovalen schwarzen Augen ohne Differenzierung zwischen Augapfel und Pupille schaute, mit einer einfachen roten Hose bekleidet war und mit dieser amerikanischen Mäusestimme “My name is Mickey” fiepte und seinen Namen wesentlich komprimierter, als es die Deutschen tun, aussprach. Sie stößt auf ein in transparenter Folie verschweißtes Furzkissen, dass bereits auf dem Cover als Extra angepriesen wird und blättert weiter. Was Walter Elias Disney mit simplen Zeichentrickfiguren geschaffen hatte, denkt sie, kann nicht nur eiskaltes Kalkül gewesen sein, Aber was war es, womit Disney die Gedankenwelt der Kinder so sensibel traf? Sie hört Plötzlich ihren Namen – falsch ausgesprochen – aber ihrer. Sie wirft die Zeitschrift zurück auf die Ablage und läuft Richtung Behandlungsraum. Sie setzt sich auf den Partieentenstuhl mit dieser kranken grünen Farbe – man musste davon krank werden, wenn nicht körperlich, dann wenigstens im Rahmen einer psychosomatische Störung. Eine Zahnärztin kommt herein begrüßt sie mit einer lauten Stimme, fragt nach dem oralen Wohlbefinden und sagt immer noch in der Lautstärke für Schwerhörige: “Öffnen sie bitt ihren Mund”. Dann spürt sie wie der kleine Spiegel ihre Zähne streift und die Ärztin gelangweilt in ihren Mund starrt. Sie erinnert sich an ihren letzten Zahnarztbesuch, als ein Arzt mit einem Saugschlauch in ihrem Mund herumhantierte, hineinstarrte und “Willst du auch mal reinschauen?”, meinte, als ein weiterer Arzt den Raum betrat, sodass sie schließlich da saß mit zwei Schläuchen im Mund und zwei starrenden Ärzten und sie sich vorkam wie im Zoo.
“Wir werden ihre Füllung erneuern – die sieht aus wie Beton.”, sagte die Ärztin, während sie mit ihrer Zahnarzttechnik herumhantiert. Lara schließt den Mund. “Sie spinnen wohl!”, schießt es ihr durch den Kopf, doch anstelle auf die weiß Bekittelten zu schimpfen, steht sie vorsichtig auf und sagt: “Dankeschön”. Die Ärztin dreht sich etwas verwundert um und fragt dieses Mal in einem leiseren Ton: “Wollen Sie keine neue Füllung haben? Das Grau sieht wirklich nicht schön aus. Ihr Backenzahn ist an der Stelle schon angegriffen. Das muss raus!” Lara erwidert knapp: “Danke – Nein.” Und läuft zurück in den Vorraum und zieht ihren Mantel an. “Die spinnen doch alle, die Konkurrenzkapitalisten, elendes farmazieversäßenes Medizinerpak!”, denkt sie und kann sich gerade noch davon zurückhalten, die Praxistür zu zu knallen. Sie läuft zum Fahrstuhl. Karies und Baktus – Ha, ha, ha – für ihre Begriffe ist sie Kerngesund. Die Menschen sind doch alle krank und wer das Gegenteil behaupten will, der soll ihr erst einmal den Begriff Gesundheit definieren. Sie verlässt das Ärztehaus und geht zur U-Bahn. Für den nächsten Stempel wird sie sich einen neuen Zahnarzt suchen. Sie setzt sich in den vordersten U-Bahn-Wagon auf einen viel zu weichen beklebten Sitz und lehnt sich zurück. Hinter ihrem Rücken hört sie eine männliche und eine weibliche Stimme. Die Frau spricht halb mit dem Berliner Dialekt und halb einfachen Slang. Ihre Artikulation hört sich entweder an, als wäre sie mittelmäßig alkoholisiert oder als würde sie gerade von einer Zahn-OP kommen. Unbeholfen erklärt sie, dass sie sich von ihrem gesparten Geld ein neues Handy kaufen möchte, und zwar „das beste was es gib’s von Nokia mit Radio dran – Schatzi – mit dem kann man Musik, Video und Bilder machen und“, sie sagt es, als wäre es das neuste und tollste, was der Markt derzeitig zu bieten hat: „mit einer Speicherkarte! Komm Schatzi, wir müssen raus.“ Lara ist sich nicht mehr sicher, ob es tatsächlich ein Mann war, oder doch nur ein vier füßiger Schnauzer, den die Frau jetzt an einem Halsband aus der U-Bahntür raus zerrt. Ihr fallen oft kuriose Menschen in der U-Bahn auf – seltsam nur dass sie noch kurios wirken, denn gerade Berlin ist doch ein Fleck auf der Landkarte, der jede Art und Unart einlud sich hier zu entfalten. Viele betrachten es als Manko von der industrialisierten menschlichen Persönlichkeit, dass sie apathisch, gleichgültig und distanziert sind, aber das ist wohl seit der Entstehung von Menschenakkumulationen in Städten ein nützlicher Wesenszug geworden, um nicht sein eigenes Seelenleben irgendwann zerstört vor zu finden und außerdem ist es gerade die Isolation in der Akkumulation, die den Individuen wieder ein Recht auf Individualität und Statementfreiheit gewährleistet. Natürlich birgt dies auch die Gefahr für Anormalitäten, aber anderer seits auch wieder Schutz für Künstler und Chaoten. Obwohl es doch in der Moderne ziemlich schwierig geworden ist seine eigene Kunst auszuleben und damit anerkannt zu werden, da die Anzahl der völlig Weltentfremdeten Übertreiber zunimmt. Sie will gar nicht unbedingt freie Künstlerin sein, sie will nur einen Job, bei dem sie durch minimalen Arbeitsaufwand maximale Leistung erzielt – das hatte sie nach der Schule auch der Frau vom Arbeitsamt erzählt und sie hatte sie angeblafft, dass das Leben kein Wunschkonzert sei und sie ohne Qualifikation überhaupt nichts erreichen könnte – das hatte sie nie angezweifelt. Seit dem ist sie freiwillig nie wieder zum A-Amt hingegangen, eine Bezeichnung, die ein Kollege manifestierte: das A als multiple Variabel und somit persönlich anpassbar. Sie ist einfach angenervt von den Leuten, die immer irgendetwas von ihrem Umfeld wollen, die in allem die Perfektion und das Optimum suchen – und dazu gehören an erster Stelle diese so genannten Sozialpädagogen. Schon vom Studienfach ein Berufsweg für Menschen, die nichts Sinnvolles mit sich anfangen zu wissen und einen so miserablen Notendurchschnitt haben, dass sie selbst für Chemie und Jura unnütz sind, das heißt: der verzweifelte Rest der Gesellschaft, der glaubt die Existenzberechtigung zu erlangen, nur weil sie hilflosen Menschen ihre Fachstudienweisheit und subjektiven Ratschläge aufzwingen. Es sind Menschen, die von Morgens bis Abends ununterbrochen reden und jedem mit Rat und Tat zur Seite stehen und die Leute nur verrückt machen. Menschen, mit denen man sich nicht normal unterhalten kann, weil sie einem für jedes Alltagsproblem ein Lösungsmittel verkaufen wollen und es nicht akzeptieren wollen, wenn man auf ihren Rat pfeift. Für Pädagogen und die 50+-Generation ist ihr Lebensstil einfach zu unkonventionell – sie werfen ihr vor nicht mit beiden Beinen im Leben zu stehen, selbiges nicht zu verstehen und resigniert ziellos zu sein, aber sie hat eine sehr genaue Vorstellung von ihrer Zukunft. Es ist einfach heute nicht mehr die one-life-one-job Zeit, der Arbeitsmarkt ist ein aufgewühltes Meer mit einzelnen schmelzenden Eisschollen, also das, was der Antarktis erst noch lange bevor steht, aber mit hoher Wahrscheinlichkeit einholen wird. Sie kann nicht genau sagen, ob diese Tatsache ihren individuellen Wunsch nur befriedigt, oder ob sie ihn adaptiert hat, aber sie hat keine Lust ihr Leben in ein und demselben Beruf zu fristen und erst recht nicht, wenn die Rentenaltereintrittsgrenze weiter angehoben wird. Sie glaubt, dass Menschen glücklich und lebendig sind, wenn sie Interesse, Neugier und Energie haben – etwas von dem sie mehr als genug hat. Sie betrachtet ihr Curriculum Vitae nicht als vertikale Leiter, die es mühselig zu erklimmen gilt, sondern als Schauplatz ihrer persönlichen Lebenslust. Sie betritt ein kleines Lokal, setzt sich an einen freien Tisch in einer Ecke und liest sich die Getränkekarte durch. Nach zehn Minuten winkt sie den Kellner heran und bestellt sich einen Orangensaft. Momo ist nie wirklich pünktlich, aber sie kommt. Gelangweilt lässt Lara ihren Blick auf der Eingangstür ruhen und dreht das Glas in ihrer Hand. Momo hat eine soziale Ader, sie ist wahrscheinlich sozialer als ihre Sozialdemokratie, auch wenn das keine Kunst ist – das Grundgesetz ist ebnend anpassungsfähig. Im Gegenteil hat Momo die Philanthropie in ihrem Herzend, zwar nicht bindend, aber anscheinend ehrlicher als Worte. sie arbeitet im Pflegedienst, nicht Altenpflege, sondern mit Behinderten im Rahmen von Rehabilitation, also auch Ältere, aber nicht so intensiv.
Endlich sieht sie Momos zierliche Gestalt durch die Tür treten. Lara versucht ihren Blick zu fangen, dann entdeckt Momo sie, drängt sich durch in ihre Ecke und umarmt sie. „Wartest du schon lange?“, fragt sie und setzt sich auf den gegenüber stehenden Stuhl. „Ist schon in Ordnung.“ Momo sortiert ihre vom Wind zerzausten langen lockigen Strähnen. „Nein, sag mal ehrlich. Ich habe dir auf deinen Anrufbeantworter gesprochen – der Abholdienst für den einen Patienten hat sich verspätet und ich habe noch gewartet.“ Lara stützt ihren Kopf erschöpft in die Hände und vergräbt sie in den Haaren. „Ja, ja – Nein, ich hatte keine Lust ihn abzuhören.“ Sie schweigen einen Moment, dann meint Momo: „Sag mal, hast du auch gehört, dass der europäische Gerichtshof Mindestlöhne für staatliche Aufträge verboten hat?“ „Hmm“, erwidert Lara während sie an ihrem Orangensaftrest nippt. „Ich finde das unmöglich – warum haben sie nicht von Anfang an eine sozial-ökologische Union gegründet? Eine SÖko-Union.“ Lara schiebt ihr Glas bei Seite: „Ach, SöKO, das hört sich ja schon an wie eine Seuche. Sozial-ökologische Projekte haben eine zu lange Frist, bis sie sich als profitabel und effektiv erweisen – oder zumindest empfinden das die meisten Ökonomen so. Und in den 60ern und 70ern hat sich doch keiner für Natur oder so einen Quatsch interessiert, erst jetzt, wo sie merken, dass es warm wird und sie nicht genug Sonnenmilch für die ganzen Menschen haben und die Modeerscheinung von Attack, Green Peace und die anderen Wir-retten-die-Menschheit Verbände sich engstirnig hüten der FMW den Rücken frei zu halten, denken die Poli-Ökonomen über Umwelt nach.“ „Schon klar, aber sie könnten doch wenigstens aufhören, die nationale Lohnpolitik zu tangieren.“ „Ach, wenn die Sonne explodiert, brauchen wir auch keine Mindestlöhne mehr.“ Momo muss lachen: „Hast du auch gelesen, dass irgendwelche Wissenschaftler die Umlaufbahn der Erde nach Außen verschieben wollen, damit wir nicht verkohlen, wenn es die Supernova wirklich geben wird?“ Lara schüttelt mit zusammengezogenen Augenbrauen den Kopf: „Ich lesen den Panoramaanteil nicht.“ „Das stand unter der Rubrik Wissenschaft.“ Lara entgegnet trocken: „Das ist ja das selbe – ich vertraue keinem Forschungszweig, der noch vor 100 Jahren die Existenz von Bakterien abgestritten hat. Ach, ich glaube, dass das im Moment nur so ein allgemeiner Anfall von Bewusstseins-Wahnsinn ist, der vergeblich versucht unsere ziellose, unvernünftige Gesellschaft aus ihrem Dornröschenschlaf zu wecken. Die Politik hat der Virus Ökologie ergriffen, bei Glücksspielen muss man erklären, dass der Spaß sinnlos ist und manisch werden kann und sogar Lara Croft und Barbie dürfen nicht mehr ihre Anorexie exzessiv ausleben, dabei müsste die Anzahl der Untergewichtigen Personen doch unter der, der Fettsüchtigen liegen. Als würde das die Welt verändern, womit bereits die Expressionisten im letzten Jahrhundert gescheitert sind. Wir sind doch alle nur die schwarzen Steine im Halma der Finanzwirtschaft, aber ich möchte wenigstens einen ruhigen Platz in einer Ecke des Spielfelds haben.“ „Lara, du bist ein elendiger Pessimist“, sie grinst. „Aus Gewohnheit“, Lara grinst zurück. „Komm, erzähl mal etwas Schönes.“ Lara schlägt die immer noch vor ihr liegende Getränkekarte wieder auf: „Es gibt das Schöfferhofer Weizen jetzt mit Grapefruitgeschmack – aber ich glaube nicht, dass ich es deshalb mehr mögen werde.“ „Ach ja, kkomm lass uns ein Bier trinken.“ Sie bestellen. „Also, falls du spontan Lust hast, ich habe gesehen, dass es morgen Abend in der Kulturküche ein Jazz-Konzert gibt.“ Momo sieht sie vergnügt, überrascht an. „Du würdest mit mir zu einem Jazz-Konzert gehen?“ „Ich werde mir Ohropax mitnehmen.“, erwidert Lara grinsend. „Um wie viel Uhr?“ „Acht.“ „O.k. ich hole dich dann ab – Ja? O.k.“ Momo tippt die Daten in ihr Handy. Dann macht sie ihr typisches teils nachdenkliches, teils sorgenvolles Gesicht, indem sie ihre hauch dünnen Augenbrauen so ernsthaft wie möglich zusammen zieht. „Und… wie läuft es mit deinem neuen Job?“ Lara zuckt mit den Achseln. „Das sind doch alles die gleichen Einheitsprodukte: das ist eben das normale, kein Job, mit dem man die American Express Gold kostenfrei bekommt und sich dann auch noch wie „the next big thing“ fühlt, aber auch nichts, was Spaß macht.“ „Was ist mit deinem Plan noch einmal an die Uni zu gehen?“ Momo ist ihr Ruhepol. Sie hat irgendetwas tief beruhigendes, schon ihre zierliche Gestalt, ihre Mimik und ihre weiche Stimme, bringen Lara wieder raus aus einer ihrer Labyrinthe, in denen sie sich manchmal verrennt oder auch nur meint verrannt zu haben. Momo scheint ausschließlich aus gebündelten Protonen zu bestehen, die auf Lara überspringen und ihren Elektronenüberschuss ausgleichen – positive Energie. Lara merkt, wie ihre Gedanken auf einen anderen Systemcircle schalten. „Vielleicht – wieder nebenbei in einer Videothek arbeiten – capenoctem, dass war doch eine lustige Zeit… Außerdem endet die Laufzeit meines Bausparvertrags im nächsten Jahr.“ „Wie viel?“ Sie zuckt wieder mit den Achseln. „Vier?“ Momo zieht die Augenbrauen hoch. „Wegen der Bausparprämie?“ Lara seufzt: „Ja, ja – glaub’ schon.“ Sie schweigen einen Moment. „Hast du mal diesen Geschichtenladen gesehen?“ Momo schüttelt den Kopf. „Wo?“ „Bei mir… Prenzlauer Berg… Kollwitzsraße… so eine dunkel grün-orangefarbene Fassade… Da sind Leute, die schreiben für horrende Summen, also im dreistelligen Bereich – individuelle Wunschgeschichten mit Charakter, Genre, Themen und so Auswahl.“ Sie schüttelt immer noch den Kopf und grinst: „Haben wir in Berlin so viele Besserverdiener, die gerne lesen?“ Lara zieht eine Grimasse. „Soll ich Namen nennen? Klar, ist das so eine Highsociety Geschichte, ich kann mir meine Geschichten selbst schreiben, aber es ist eine überaus geniale Indie-Marktlücke von Kultursenderpublicity gepuscht und läuft anscheinend.“ „Und, willst du da einsteigen?“ Lara schüttelt den Kopf. „Danke, ich finde die Idee genial, aber inhaltlich ist es mir zu einsilbig. Ich habe diese große Idee von einem neuen Zweig des schriftlichen Dienstleistungsgewerbes – Ich könnte einfach alles schreiben, Glückwunschkarten, Trauerreden, Beschwerdebriefe, Werbeslogan, die ganze Bandbreite – natürlich nicht alleine, sondern in einem Kollegenkomplex, mit Juristen, Journalisten, Werbetextern und so – das wäre auf jeden Fall mein wirtschaftlicher Traum“ Momo schmunzelt wieder: „Menschen mit einer neuen Idee gelten so lange als Spinner, bis sich die Sache durchgesetzt hat, hat Marc Twain gesagt.“ „Woher wusste Twain, dass unsere heutige Welt auf Spinnereien aufgebaut ist?“ Sie bewundert Momo ein Bisschen. Momos Traum war ursprünglich auch ein Literaturstudium – sie liebt Bücher, aber die Sache war die, dass es bei unterschiedlichen Dingen nicht gereicht hat, und sie durch Zufall eine Azubi-Stelle bekommen hat. Sie ist auf der Schiene weiter gegangen und hat zu tiefe Wurzeln geschlagen, um das Risiko eines Qualifikationswechsels ein zu gehen. „Und alternativ Uni und Traum?“ Eine ihrer internen Wort-spar-Formulierungen, die nicht nach dem typischen Jugendjargon klingen. Lara zuckt mit den Achseln: „Auch eine kranke Kuh lässt sich noch melken: Ich schreibe ein Buch über Britney Spears – „Heart-to-heart – Durch den Sturm – Die ganze Wahrheit“ und danach lasse ich mich in meine Elektronen zerlegen und in den Teilchenbeschleuniger schleusen, um ihre Jungfräulichkeit zu beweisen – außer ich bekomme siebenstelliges Schweigegeld.“


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