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Wie viel ist unsere Bequemlichkeit wert?

Die moderne Medizin ermöglicht es inzwischen mittels spezieller Untersuchungen einer werdenden Mutter die wohl wichtigste Frage überhaupt zu beantworten. - Wird mein Kind gesund sein
Unterdessen können wir uns einer weiteren Frage stellen - Welche Bedeutung hat ein solcher Fortschritt für unsere Einstellung zum Leben und zum Kinderkriegen?
Die Befragung zum Thema - erarbeitet von NETWORK\'s RESEARCH\"
In Kürze hier bei ITB im Bereich Labs


ITB Stories - Cover-Bild

ITB Stories – Cover-Bild

Operation Mona Lisas Lächeln – Membranvibration in Stereo

 

 

Lara schließt die Badezimmertür hinter sich. Ein Dimmer wirft seinen reduzierten Lichtschein an die Decke. Die Dielen knarren leise unter ihren Schritten. Sie ist ein Stimmungstyp. Sie mag es wenn Umgebungen oder Gesellschaften Atmosphären schaffen, die wie süßer Nebel alles umhüllt wie dieser plingende und glänzende rosafarbene Zuckerwatte-Zauber aus Prinzessinnenfilmen nur ohne Kitsch. Hier ist es nicht rosa, kein Fleck ist ernsthaft rosa, sondern in Holz-, Rot- und Grüntönen zusammengefügt. Kühle Abendluft strömt von draußen ein. Die Temperatur nimmt ihre Haut wahr, aber ihre Geruchsknospen nehmen den einströmenden Geruch nach Bratsoße, Fett, Fleisch und Gewürzen wahr. Sie wüsste nicht mit welchen Worten ein Schriftsteller Grillfleisch beschreiben würde. Sie isst nicht besonders gerne Fleisch, aber Grillen ist auch eine von den Situationen, die Flair haben und von Generation zu Generation zu Tradition in einigen Gesellschaften geworden sind – sie hat Grillabende auch lieb gewonnen. Sie tritt durch die Verandatür nach draußen, wo ein mit allerlei Grillutensilien belegtes Gitter über einer großen Flamme schwebt.

 

Sie hatten sie spontan eingeladen. Sie hatte dieser Fort Mustang gefesselt. Es war ein getuntes Shelby Modell der zweiten Generation aus den End-60ern, das erkannte sie an dem haifischartigen Grilleinsatz – die Pony Cars Klasse nach dem Thunderbirds, dann kam nur noch voluminöser Trash: ein gefühlter CW-Wert von einem Barockschrank. Das Interieur der ersten Generation ist ihr zu ästhetisch und die GT-500 Cobrakreuzung findet sie zu anmaßend. Aber bei diesem Exemplar waren es nicht die typischen charismatischen Chamäleonaugen, die ihre Aufmerksamkeit bündelten, sondern andersartige Auffälligkeit. Das nordamerikanische Präriepferd         stand halb in einer Einfahrt, sie weiß gar nicht mehr in welcher Straße, aber sie weiß, dass er nicht zu der Gegend passte. Wie ein Wort in einer Begriffsaufzählung, das zwar nicht dazu gehört, aber daher um so mehr durch seine Ausgefallenheit besticht. Das Metall des Wagens war im Gegensatz zu der allgemeinen konservativen Farbideologie in den Farben Rot und Orange lackiert, ebenso wie die Ratkappen – sie wirkten wie ein Fossil der vergangenen Hippiegeneration, die dunkelbraunen Wildledersitzbezüge hingegen wie aus dem 19. Jahrhundert oder von davor – etwas edelwesternmäßig. Die Fenster waren halb oder ganz offen und durch sie hindurch rankten rot-pinkfarbene und braunfarbene kleine Blütenketten über Dach und Motorhaube. Sie sahen nicht wie peinlicher Hochzeitsschmuck aus, sondern einfach locker wie bei diesem Sommerblütenfest oder wie die größeren Ereignisse in Brandenburg auch heißen mögen. Im Kontrast zu dem Zarten waren die Reifen mit derben, aber farblich konvenablen, braun glänzenden Schneeketten umwickelt und gaben dem Wagen einen seriös-lasziven Retrolook. Ungeschmückt steht der Wagen hier in der Garage. Sie stand dort auf dem gepflasterten Gehsteig und starrte auf den Ford, als eine Frau aus dem Gebäude heraus trat und sie als einzigen stehen gebliebenen Passanten sah und irgendwelche hektischen Zeichen gab und sie nichts erwiderte. Dann kam ein junger Typ und erklärte, dass das ein Mustang 67er-Modell sei und sie ihn für ein Photomodell ausgeliehen hatten. Sie wusste immer noch nichts zu erwidern und zeigte nur auf die Blumenranken und meinte: „Are they real?“, wissend sich damit als Nichtmuttersprachler verkauft zu haben. Er ging zu dem Wagen, um der Frau bei der Entschmückung zu helfen, hielt ein Bündel der Ranken zum Beweis hoch und schüttelte den Kopf: „No!“. Holz hat den Vorteil nicht aus Kunststoff zu sein, murmelte sie und fragte dann, um das Gespräch nicht versiegen zu lassen: „Are you a…“, ihr fehlte das Wort freiberuflich: „…Photographer employed permanently or…?“ Dann fiel ihr wieder der Anglizismus freelancer ein, aber er hatte anscheinend bereits begriffen, was sie meinte und entgegnete: „I’m just her assistent“, er wies auf die lächelnde Frau: „She is a freelancer, but she does everything all around design…“ Die Frau kniff den Blick schärfend die Augen zusammen und setzte dann wieder Handzeichen in die Luft.  . Allmählich begriff Lara, dass die Frau nicht an Hyperkinesien leidet, sondern dass dies Gebärdensprache war. Der Mann, ihr Assistent, nickte ihr zu und fragte wieder zu Lara gedreht: „What are you doing here?“ „I’m visiting someone.“ „From europ?“, Sie fasziniert diese Kategorisierung nach Kontinenten – sie hat das Gefühl so etwas eher weniger zu tun. „Yea.“ Dann mühten die beiden sich mit den Schneeketten ab. „Can I help you“, rief sie, um nicht sinnlos herum zu stehen. „No thanks – everything no problem.“, erwiderte er. Also stand sie da und erwiderte dem Wagen seinen sechsäugigen Blick. Sie mag Autos, sie glaubt, dass sie auch der Typ wäre, der sich um seinen Wagen, wie um ein Baby kümmert, einen Mittelklassewagen mit exklusiver Innenausstattung und regelmäßiger Pflege – nein vielleicht auch nicht so extrem, schließlich hat sie auch nicht die Liquidität, um ein Motorpferd zu unterhalten und eine Lizenz dafür konnte sie auf finanziellen Gründen auch noch nicht erwerben. Aber sie liebt es Autos zu berühren und wenn sie einen schönen Wagen sieht, kann sie sich kaum beherrschen, nicht über die Motorhaube oder den Kotflügel zu streichen. Darum empfindet sie eine seelische Verbundenheit zu echten Autoliebhabern, die ihren Wagen regelmäßig polieren, um über den reinen, glatten, nackten Lack streichen zu können. Sie selbst würde sich nie als Spezialisten auf diesem Gebiet bezeichnen, aber wenigstens als Interessenten, der einen attraktiven und schnellen Wagen zu schätzen weiß. Mit ihrem Ex-Studienkollegen besucht sie regelmäßig die IAA und sie träumen dann gemeinsam mit was für einem Wagen sie die Avus mit 240 hinunter brettern würden. Ihr Evergreen ist die original AC Cobra 427 in tiefschwarz – für sie unbezahlbar. Es ist der Ex-Autocarrier Ace, ein britischer Schlitten, in den Shelby ein amerikanisches Herz transplantierte: einen Achtzylinder Fordmotor. Ein Rennwagen für den eine Autobahn ohne Geschwindigkeitsbegrenzung erfunden worden ist. Das hatte Marco ihr erklärt. Er ist ein Genie auf diesem Gebiet, vielleicht sogar der erste reale Mensch-Automobiel-Transformer. Er hatte sie jeden Morgen, wenn sie den Weg zur Pflichtvorlesung gefunden hatte, auf dem Weg abgepasst und sich an sie heran geschlichen, um sie mit seiner platzenden Backwarentüte zu erschrecken, in der zuvor ein Puddingplunder oder ähnliches gesteckt hatte. Als sie abbrach, hatte er das Fach gewechselt und hat jetzt wahrscheinlich noch ein Jahr Regelstudienzeit vor sich.

Nachdem die beiden sämtliche Accessoires entfernt hatten, kam die Frau lächelnd auf sie zu. Was Lara seit dieser Sekunde an fasziniert, ist, dass dieses strahlende Lächeln nicht durch gezielte Muskelkontraktion erzeugt wird, wie man es üblicherweise tut, wenn man jemanden formgewandt begrüßen möchte, sondern die gesamte Gesichtsmimik beansprucht. Eine Freundlichkeit die etwas Ehrliches hat – eine Attitüde die heutzutage negiert wird, im Gegensatz zu modernen Pessimismus und Negativismus und sie ertappt sich dabei, zugeben zu müssen, auch ein wenig auf dieser Welle mit zu reiten. Die Frau reichte Lara die Hand. Lara stutzte für einen Augenblick, als sie nach der Begrüßung ihre Hand umgedreht fest hielt und ihr mit der Fingerspitze Buchstaben auf die Handfläche schrieb. G W E N. Lara lächelte kurz und malte dann auch die Letter ihres Namen in Gwens Hand. Sie hatte noch nie eine stumme Begrüßung erlebt und ihr wurde bewusst wie Wenig Worte eigentlich sagen, oder wie intim nonverbale Kommunikationsformen sein können. Gen drehte sich weg und gab wieder codierte Anweisungen, wobei einer ihrer hektischen Bewegungen auf Lara wiesen. Der Assistent verbalisierte: „Do you like to come with her? Friends of Gwen have a barbecue this evening.“