Vorwort
Zum Einstieg der nun folgenden Erzählung sei es dem Autor gewährt ein milderndes Zitat aus dem Werk eines anderen faszinierenden Schriftstellers anzuführen.
„Jedoch ich bin kein Nihilist…“ „Sie sind kein –„, sagte Lisaweta… Sie hielt gerade ihr Löffelchen mit Tee in der Nähe des Mundes und erstarrte in dieser Haltung. „Nun ja… nun ja… kommen Sie zu sich, Lisaweta! Ich bin es nicht […] Lisaweta. Hören Sie mich an. Ich liebe das Leben – dies ist ein Geständnis. Nehmen Sie es und bewahren Sie es, – ich habe es noch keinem gemacht. Man hat gesagt, man hat es sogar geschrieben und drucken lassen, daß ich das Leben hasse oder fürchte oder verachte oder verabscheue. Ich habe dies gern gehört, es hat mir geschmeichelt; aber darum ist es nicht weniger falsch. Ich liebe das Leben…“
(Aus „Tonio Kröger“ von Thomas Mann)
Operation U-Bahnsitzplatz – Die Elimination
Lara läuft die U-Bahn Treppe hinunter. Sie schaut nach oben, das Licht der weißen Neoröhre beißt in ihren Augen. Sie hat in der Nacht nur drei oder vier Stunden geschlafen, aber trotzdem fühlt sie sich nicht sonderlich verpennt. Auf dem Bahnsteig wirft sie ihren Apfelgriebsch in einen Abfallbehälter. In der U-Bahn setzt sie sich in die Ecke einer dieser langen Bänke und zieht eine Mappe aus ihrer Umhängetasche. Sie überfliegt einige Zettel. Man hatte sie bei dem Jugendmagazin gekündigt, weil sie mit ihrem Alter nicht mehr dem Stil des Magazins entspreche. Die Sache war die, dass sie die neusten Modetrends, Mainstream-Musik und Doktor Sommer für stumpfsinnigen Abschaum empfindet und ihr Chef das mitbekommen hatte. Davor hatte sie immer diese schmierigen Artikel entgegen ihrer Auffassung geschrieben und jegliche Arbeit ihrer Kollegen kommentarlos gelassen. Jetzt hatte es sie zum Gegenteil hin verschlagen. Was sollte sie tun? in zwei Monaten hätte sie Hartz-4 Status gehabt. Nun schreibt sie für „Susen“ – in jedem gut sortierten Zeitschriftenladen zwischen „Lisa“, „Emma“ und „Tina“. Artikel, die sich mit Erdbeermasken und Kochrezepten befassen – danke Alicia Schwarzer! Jetzt müssen Männer mit Komplexen nicht nur behaupten, dass die Hälfte der Frauen über die Intelligenz einer Stehlampe verfügt, damit können sie es endlich auch beweisen. Sie steckt die Mappe ein und lässt sich in ihren Sitz fallen. Es war eigentlich immer ihr Traum gewesen als Lektor zu arbeiten oder Buchkritiken zu schreiben, aber irgendwie hatte sie es bis jetzt nicht geschafft. Vielleicht ist der Markt dafür zu überlaufen, vielleicht ist ihr Stil zu unkonventionell, aber vielleicht will sie auch nur keiner haben. Der Zug hält ruckartig am nächsten Bahnhof. Sie steigt aus. In U-Bahnhöfen richt die Luft immer nach Dreck, als würde man den Dreck vom Boden, den, den die Leute mit ihren Schuhen überall hintragen und den, den sie auf die Stufen speien, einatmen. Sie ekelt sich vor diesem Gedanken. Schnell hat sie den Schacht verlassen und kauft sich draußen am Kiosk „die Zeit“. Sie schlendert zum S-Bahnsteig und setzt sich auf eine Bank. Es ist Ende September und es beginnt langsam kühl zu werden. Sie denkt daran, dass sie in einer halben Stunde Urlaub haben wird – noch 30 Minuten trennen sie von der Erlösung. In ihre Zeitung zusammen gesunken hört sie zwar, dass ein Zug einfährt, nimmt aber nicht wahr, dass dies ihrer ist. Als sie ein überlautes “Zurückbleiben bitte!” hört, springt sie auf und schlüpft durch eine sich schließende Tür. Wahrscheinlich hatte sie doch zu wenig geschlafen. Sie setzt sich gegenüber eine Frau und vertieft sich wieder in die Zeitschrift. Zwei Stationen später setzt sich ein stark südosteuropäisch aussehender Mann neben sie. Er hält einen großen Rucksack zwischen seinen Beinen. Kurz wechseln er und die Frau misstrauische Blicke, dann setzt sie sich eine Stuhlreihe weiter. Lara blickt auf und grinst: „Sie haben wohl Sprengstoff in ihrem Rucksack?“ Er mustert sie kurz und grinst dann zurück: „Ja, eine Zeitbombe!“ „Und, wann zündet sie?“ Er schaut mit einem ernsten Gesicht auf die Uhr: „In genau zwölf Sekunden!“ Einige Leute drehen sich um und beäugen sie argwöhnisch. Als sie die nächste Station passiert haben, macht er ein enttäuschtes Gesicht: „Der Bomben-Selbst-Bastelplan von Wickipedia hat wohl nicht funktioniert.“ Sie nickt: „Da kann man sich nie sicher sein, man kann nie wissen, ob nicht auch irgendwelche Spaßvögel sich nur etwas ausdenken.“ Er grinst wieder: „Tja, da muss ich wohl meinen Cousin aus dem Irak bitten mir einen Plan zu schicken – Ok. – ich muss nächste raus.“ „Verreisen Sie?“ „ja, Bergtour in Österreich. Also Tschüß!“ Er schultert seinen Rucksack und steigt aus. Sie blättert wieder in ihrer Zeitschrift. Sie weist nicht, ob sie wirklich gerne Zeitungsartikel geschrieben hätte – nur irgendwelche politischen Geschehnisse hätten sie auf Dauer wahrscheinlich ermüdet. Sie hätte gerne für den Kulturbereich gearbeitet, Büchermessen besucht, Interviews mit neuen Autoren oder Ausstellern geführt, Artikel über den Niedergang des potsdammer Platz Flairs geschrieben. Sie steigt aus und kauft sich beim Bäcker einen großen Kaffee. dann läuft sie die Friedrichstraße hinunter bis zu dem Verlagshaus. Sie gibt an der Haustür einen Code ein, lehnt sich gegen die Tür, als diese öffnet und läuft die Treppen hoch bis in die vierte Etage. Hier klingelt sie und spricht knapp ihren Namen in die Sprechanlage. Aus dem grauen Treppenhaus taucht man hier in ein relativ modern eingerichteten Raum: LED-Lampen sind in die Decke eingelassen, der Teppich ist rot und das Mobiliar cremfarben-weiß. Sie geht zu einer Frau, die etwa Mitte 30 ist und hinter einem breiten Schreibtisch sitzt. „Hallo Lara – du bringst die Artikel.“ Die Frau sieht etwas unecht aus, ihre Lippen sind geschminkt, ihr Gesicht wahrscheinlich mit Aloe Vera Antiage Creme überzogen und ihre Haare sehen gefärbt aus – sie sind gefärbt. „Ja“, erwidert Lara, stellt ihren Kaffeebecher auf dem Schreibtisch ab, zieht ihre Mappe aus ihrer Taschen und reicht sie ihr. „Super! Dann brauchen wir nur noch Kimis Beitrag zu „Neue Düfte für Deodorants“. Lara nimmt ihren Becher und nickt kurz. Sie starrt in den Raum. An den anderen Tischen sitzen Frauen, die sich kichernd und aufgeregt unterhalten. Das sind doch alles nur kalkulierte Produkte einer grausamen Verblödungs-Strategie von irgendwelchen Drahtziehern, die sich eine fügsame Gesellschaft heranzüchten möchten, denkt sie. Nihilistische Zukunftsvisionäre schwafeln immer von Genmanipulierungen, die die Menschheit zunächst in den Wahnsinn trieben und schließlich aus banalen Gründen aussterben ließe. Wenn man sich jedoch einen gewissen Teil der Erdbevölkerung betrachtet, könnte man die These belegen, dass diese bereits von einer Mutation befallen sei: die radikale Umwandlung der grauen in weiße Zellen. Bei dem Gedanken muss sie schmunzeln. Alles superreale Ironie – Philosophen würden von Kausalzusammenhängen fantasieren. An ein Produkt der Gesellschaft, wie es Marx behauptet, glaubt sie nicht. Sie glaubt an die Freiheit jedes Menschen – „Die Freiheit, die mit der Länge der Kette zwischen Wirklichkeit und Fantasie“ beschrieben wird.” die Menschen können diese für sich wahren oder sich selbst versklaven. Sie hatte sich auch auf eine trotzige Art und Weise versklavt. Sie überlegt zum Hundertsten Mal, ob sie nicht kündigen soll – einfach, unverbindlich dieser Tussi die Phrase „Das war mein letzter Artikel – ich kündige!“ an den Kopf werfen und gehen, nie wieder kommen, nie wieder kommen müssen, nie wieder in das kommerzielle Gesicht ihres Chefs blicken müssen. Doch wie jedes Mal sagt sie nur: „Tschau, bis in zwei Wochen.“ und bevor die Frau ihr noch „Schönen Urlaub Lara“ hinterher rufen kann, ist sie wieder hinaus geschlüpft, läuft die Treppen hinunter und steht wieder auf der Friedrichstraße. Sie läuft zurück zur S-Bahn und setzt sich dort auf die Treppe. Sie blickt die Stufenblöcke hinunter in den Schacht von dem aus die Menschenmassen hinauf strömen. Die Bahnsteigansage dröhnt über laut in ihren Ohren. „Sehr geehrte Fahrgäste – die S1 hat zehn Minuten Verspätung – wir bitten um ihr Verständnis.“ Die ersten Fahrgäste bekunden bereits ihre Unzufriedenheit und schimpfen lauthals. Der Bahnsteig füllt sich allmählich und die Ansage ertönt zwei weitere Mal. Sie stellt den leeren Becher neben sich und stützt den Kopf in die Hände. Sie hatte nun Urlaub. Ein Typ stößt gegen ihren Becher. Er dreht sich kurz um und läuft dann weiter. Sie nimmt einen intensiven Nikotingeruch wahr – jemand hatte sich eine Zigarette angesteckt. Rechts neben sich beobachtet sie einen Mann, wie er motionslos an seinem Glimmstängel zieht und graublauen Dunst ausbläst. Sie ist schon lange für ein Rauchverbot – Ok Drogen, übermäßiger Alkoholkonsum und Extremsport sind auch nicht verboten – dafür jedoch Suizid. Empfinden sich die staatlichen Gesetze überhaupt als Erziehungsmaßnahmen ihrer Bürger? Nein, sie sind nur zur Aufrechterhaltung von Staat und Gesellschaft da. Das spräche dann wiederum für ein Rauchverbot. Warum sollte man als Passivraucher die negativen Konsequenzen, die die Minderheit der Bevölkerung verantworten, mit tragen? Er lässt seinen Zigarettenstummel fallen und zertritt ihn. Irgendwelche von der neoliberalen Ideologie befallen Menschen würden sagen: „Dadurch werden Arbeitsplätze geschaffen – dadurch steigt die Nachfrage an Reinigungskräften!“ Würden diese Leute auch der Produktion von Krankheitserregern zustimmen, damit dadurch die Nachfrage an neuen pharmazeutischen Medikamenten steige? Ja, diese Menschen gibt es bereits. Sie vergräbt angestrengt ihre Hände in ihren Haaren – vielleicht sollte man diese Gesellschaft wegwerfen, dann würde auch die Nachfrage an der Produktion von neuen Menschen steigen. Sie muss grinsen – darüber würde sie gerne einen Artikel schreiben, Aber die Wahrscheinlichkeit, dass eine intellektuelle Oberschicht eine gesellschaftliche Revolution auslöst, erscheint ihr zu gering. Also darf sich doch die Putzfrau freuen, dass die Wegwerfgesellschaft ihr, ihren mit 3,40 Euro bezahlten Akkordstundenlohn-Job ermöglicht. Danke an den Kapitalismus – sobald die Menschheit sich zu Grunde gerichtet haben wird, wird auch er uns verlassen – ein Virus kann nicht ohne Wirt leben und sobald er ihn bis aufs Letzte ausgeschöpft hat, zerstört er jenen und verdammt sich damit selbst zu einem Dasein als unbelebte molare Masse! Endlich spürt sie die Vibration im Boden – ein Zug fährt ein. Sie steht auf, hebt den einige Stufen weiter unten liegenden Becher auf, wirft ihn in einen Abfallbehälter und steigt in den überfüllten Zug. Als die Türen schließen ärgert sie sich darüber, dass sie eingestiegen war. Schnell verwandelt sich die sauerstoffreiche Bahnstegluft im Zug zu einem dumpfen, nebligen Gemisch aus Alkoholgestank, Vanilleparfüm und Deodorant „for men“. Dazu verbreitet sich der penetrante Geruch von Fruchtbonbons im Waggon. Konnte diesen intensiven Geruch tatsächlich nur ein kleiner chemisch bunt gefärbter Bonbon auslösen, oder rieben sich diese Leute etwa mit einem Duschgel oder gar einer Hautpflegecreme dieses Geruchs ein? Noch eine Person zwängt sich hinter ihr rein. Wieder geht ein Stöhnen durch die Masse. Das ist wahrscheinlich ein Phänomen, das es nur bei Menschen gibt: sie stinken nicht, weil sie sich nicht gewaschen haben, es sind nicht Substanzen, die ihre Körperdrüsen ausscheiden – sie stinken abgrundtief, weil sie sich mit jeglichen zweifelhaften Substanzen besprühen und einschmieren. Als sie endlich den nächsten Bahnhof erreicht haben, löst sie sich schnell aus der Masse und drängt sich durch die wieder zusteigenden Fahrgäste hinaus und über den Bahnsteig. Sie wirft ihre Zeitschrift auf die Wartebank. Vielleicht hätte sie doch nicht ihr Publizistik Studium abbrechen sollen, dann wäre sie nicht in diesem Desperate-housewifes-Milieu gelandet. Nein – sie verdrängt den Gedanken schnell aus ihrem Kopf. Sie hat einfach keine Lust ich an dem vorherrschenden Konkurrenzkampf zu beteiligen. Vielleicht hätte sie doch Kauffrau für Verlagswesen lernen sollen, dann könnte sie ihren eigenen Verlag eröffnen, sich als Lektor einstellen und ihre Gedanken veröffentlichen. Sie liebt es an diesem Gedanken zu spinnen, doch die nötige finanzielle Basis dafür wird sie nie aufbringen können – dazu kommt noch, dass sie die Bafögschulden hat. Außerdem ist sie nicht der Managertyp. Sie steht vor einer Buchhandlung. Sie tritt ein. Eine kleine Glocke läutet. „Hallo“, sagt die Buchhändlerin freundlich. Lara vergisst den Gruß zu erwidern und läuft, mit den Augen die Buchrücken streifend, ein Regal entlang. Jedes Mal, wenn sie vor so einem riesigen Bücherregal steht, denkt sie darüber nach, wer überhaupt das alles lesen kann oder vielleicht überhaupt möchte – wie kommen Menschen darauf zu glauben, dass das was sie sagen irgendjemanden interessieren könnte? Sie hatte selbst noch nie den Ansporn finden können, ein Werk zu vollenden. Sie hat zu Hause bereits einen Stapel von Ringblocks, in denen sie unterwegs oder nachts irgendwelche Phrasen niedergeschrieben hatte, Gedanken skizzierte oder Wahrnehmungen formulierte. Sie hat sich immer vorgenommen sich einmal Zeit zu nehmen, um die Aufzeichnungen alle durch zu

