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Wie viel ist unsere Bequemlichkeit wert?

Die moderne Medizin ermöglicht es inzwischen mittels spezieller Untersuchungen einer werdenden Mutter die wohl wichtigste Frage überhaupt zu beantworten. - Wird mein Kind gesund sein
Unterdessen können wir uns einer weiteren Frage stellen - Welche Bedeutung hat ein solcher Fortschritt für unsere Einstellung zum Leben und zum Kinderkriegen?
Die Befragung zum Thema - erarbeitet von NETWORK\'s RESEARCH\"
In Kürze hier bei ITB im Bereich Labs


 

Der Saboteur

Das Heulen des Schneesturms war zu einem ewigen Begleiter geworden.  Die Fensterscheiben seiner kleinen Kabine waren über und über mit festgefrorenem Schnee bedeckt. Als er sich aus dem stählernen Stockbett schwang erschien es ihm, als wäre es auch hier drinnen kälter geworden. Mit steifen Gliedern zog er sich an und spritzte sich etwas Wasser ins Gesicht – leider kalt. Sie hatten nur wenige Minuten heißes Wasser am Tag, abends zwischen halb acht und acht. Über die engen Gänge schlurfte er in die kleine Küche. Dort stand, über einen an der Wand verschraubten Metalltisch gebeugt, der alte Mike mit einem Kaffee in der Hand. Marc nahm sich Kaffee aus der halbvollen Kanne und stellte sich ebenfalls an den Tisch. Der alte Pionier schaute sinnend durch das kleine Fenster auf die Schneewüste hinaus. Sie sprachen nicht viel. Wenn man monatelang am Ende der Welt eingesperrt war, hatte man nur wenig zu sagen. Der bleierne arktische Winter legte sich wie ein schweres, erdrückendes Tuch auf die Gemüter der Männer. Sie waren zu fünft – Fünf Männer hier draußen in der Albertross Forschungsstation – Ihr Auftrag: Lebensmöglichkeiten im Eismeer zu entdecken.

Nach 18 Monaten ununterbrochene harte Arbeit, umgeben von trostloser Einöde und unter der ständigen Dämmerung der Polarnacht war die kleine Crew ebenfalls gleichsam in eine Art Dämmerschlaf gefallen. Im Laufe der Monate wurden die Gespräche weniger, jeder verkroch sich mehr und mehr in seiner kleinen Welt. Anders als die Besatzungen anderer Stationen oder Ölplattformen standen ihnen kaum Möglichkeiten der Ablenkung zur Verfügung. Es gab nur einen alten Fernseher, im kleinen Aufenthaltsraum gleich neben der Funkstation. Dort war auch ihr einziger Computer installiert – Ein jammervoller, grauer Kasten, über den sie ein Mal am Tag ihre Mails erhielten. Man brauchte nur einen Blick auf diese Post zu werfen, um zu einem Eindruck vom Leben am Pol und der Stimmung in der Station zu bekommen. Der weitaus größte Teil der Mails waren dienstliche Anweisungen von der Wissenschaftsgesellschaft, Wetterfaxe und Telexe mit allem möglichen wichtigen und einer großen Menge völlig belangloser Meldungen. Daneben tröpfelte dann und wann mal ein persönlicher Brief durch die Leitung. Von Woche zu Woche wurden es weniger. Und das lag nicht an der desolaten technischen Ausstattung oder der miesen Verbindung zum weltweiten Netz… das lag ganz einfach daran, dass die Hand voll Menschen keine Freunde hatte in der Welt. Entweder sie waren schon vorher eher mehr Einzelgänger als gesellig, oder ihre sozialen Kontakte waren im Laufe der Monate an der ungeheuren Entfernung zur Welt, an der zunehmenden geistigen Trägheit der Menschen im Eis. Es schien fast so, als könne keine Freundschaft, egal wie lange sie bestand, länger als wenige Wochen ohne ein Telefongespräch, eine Bildverbindung oder etwas vergleichbarem überleben. Die wenigen Mails für die Station wurden also weniger und immer weniger. Nach und nach waren Alle von der Besatzung in tiefe, fast vollkommene Isolation versunken. Und das sollte bald alles enden. Die ursprünglich auf zwei Jahre angelegte Forschungsmission sollte vorzeitig beendet werden. Die kärglichen Ergebnisse der Forschungsarbeit waren ganz und gar nicht geeignet die Projektmanager bei der Wissenschaftsgesellschaft zu begeistern. Dort war man sich schon lange einig die Leute aus dem Eis zurück zu holen und dieses Loch im Haushalt schnellstens zu stopfen. Seit sie es erfahren hatten, hatte sich etwas in der Station verändert. Eine seltsame Unruhe hatte von den Menschen Besitz ergriffen, die sich zwar eigentlich kaum kannten, die aber doch jeder für sich diese Station inzwischen als eine Art Ersatzheimat bezeichnete. Wer für länger als ein Jahr aus der gewohnten Hektik und Enge der Zivilisation fort war und mit Ausnahme der wenigen Mitarbeitern und den Männern vom Versorgungsschiff, das regelmäßig neue Nahrungsmittel oder Ausrüstungsgüter brachte, zu sehen bekam, begann selbst eine öde Wüste aus Eis und Geröll als Heimat zu betrachten. Nun stand ihre Rückkehr in die normale Welt bevor, wo sie allerdings nun niemand mehr erwartete – vielleicht auch niemand mehr kannte. Jeder wusste ganz genau um die Bedeutung des Umstandes, dass nur eine vergleichsweise kurze Abwesenheit ausgereicht hatte, sie zu vereinsamten Menschen zu machen. Es bedeutete, dass keiner von ihnen einen einzigen Menschen gehabt hatte, der auf ihre Rückkehr gewartet hatte.

Jeder ging anders mit dieser niederdrückenden Tatsache um. Mike wurde noch stiller und tiefsinniger als zuvor. Tom und Ben, die beiden Ingenieure, stritten sich unmotiviert über Winzigkeiten, jedoch nur für kurze Zeit. Dann begannen sie, mal zusammen, mal jeder für sich, in langen Ausflügen die Polarlandschaft zu durchstreifen. Bruno, der Biologe und Einzige mit medizinischen Kenntnissen verliest sein kleines Labor nicht mehr. Und Marc? Er hatte sich selbst immer als am wenigsten verrückt oder vereinsamt gesehen. – Als Derjenige, der immer noch am meisten mit der Welt verband, doch jetzt, als er bald vom Pol zurückkehrte, stellte er fest, dass ihn im Grunde nichts anderes erwartete, als die anderen Vier. Auch Marc hatte sich mehr und mehr von seinen ohnehin nicht sehr zahlreichen, engeren Freunden entfremdet und distanziert. Und er wusste, dass er die Rückkehr unbewusst fürchtete. Gleichzeitig ersehnte er sie auch, weil er wusste, dass sie hier draußen früher oder später zu Eremiten werden mussten – fünf Einsiedler im Eis, ohne Bezug zum Rest der Menschheit.

Als er sich aus seinen Grübeleien löste war er allein im Raum. Der alte Pionier war gegangen, ohne ein Wort an ihn zu richten. Schulterzuckend goss Marc sich einen weiteren Kaffee ein und trank das heiße schwarze Gebräu in großen Schlucken aus. Dann ging er ebenfalls. Aus seiner Kabine holte er sein Funkgerät und aus dem der kleinen Kammer gleich am Ausgang seine Ausrüstung. Eiskalte Polarluft schlug ihm entgegen, als er die Station verließ. Die Forschergruppe machte unteranderem Beobachtungen der Tierwelt hier am Pol, dafür hatte sie verschiedene Dinge ringsherum im Eis aufgestellt. Messsonden und Kameras, biologische Köder und automatische Sensoren… diese Dinge mussten regelmäßig gewartet und erneuert werden. Marc fuhr mit einem Schneemobil die Strecke ab – dasselbe wie schon zig Mal zuvor. Aber heute machte er nur bis kurz nach Mittag. Der bevorstehende Rückzug aus der Station erforderte es, dass sie nach und nach ihre Ausrüstung einholten und für den Abtransport klarmachten. Er hatte sich mit den Anderen verabredet. Gemeinsam wollten sie zu einer kleinen Halbinsel hinüberfahren, wo sie eine automatische Wetterstation eingerichtet hatten. Als Marc mit seinem Schneemobil die markante Felsnadel erreichte, an der er sich mit seinen Kameraden verabredet hatte, waren Ben und Tom bereits dort. Sie parkten mit neben dem Schuppen, in dem sie ein Schlauchboot und Benzinkanister aufbewahrten. Bald war die kleine Gruppe vollständig, bis auf Mike. Der alte Falke war zu spät, ganz gegen seine Gewohnheit. So standen sie vorm Schuppen unter dem vorspringenden Dach und warteten. Es wurde nur wenig gesprochen. Nach einer viertel Stunde etwa meinte Tom „Ich denke… wir fahren.” Und so packten sie das Schlauchboot, schleiften es über das Eis und ließen es in der natürlichen Bucht am Schuppen ins Wasser gleiten. Der kleine Motor durchschnitt schmerzhaft die arktische Stille. Rasch blieb die Bucht zurück. Der eisige Fahrtwind schnitt schmerzhaft in die Haut.

Ben stand im Heck und lenkte ihre Fahrt. Obwohl niemand darüber sprach dachten wohl alle dasselbe. Wo steckte Mike? Was hatte den Pionier bewogen nicht mitzufahren. Dass ihn etwas aufgehalten hatte oder dass ihm gar ein Unglück zugestoßen war glaubte instinktiv niemand. Keiner hatte mehr Zeit am Pol verbracht als Mike. Er kannte die Gegend wie seine sprichwörtliche Westentasche und man war bisweilen auftretendende Seltsamkeiten bei dem alten Forscher gewohnt.

Nach 20 Minuten steuerte Ben das klein und zerbrechlich wirkende Boot in eine von wuchtigen Felsen eingefasste Bucht, wo es mit Schwung auf den flachen Strand anlandete. Die vier Forscher erhoben sich umständlich und mit frierenden Knochen aus ihrem Gefährt, gingen an Land und kletterten einen kaum begehbaren Pfad den Felshügel auf der linken Seite der Bucht hinauf. Gleich auf der Hügelkuppe in einer kleinen, windgeschützten Mulde hatten sie die wetterfeste Messanlage aufgebaut. Sie arbeitete automatisch und wurde alle paar Monate von ihnen besucht, damit sie die inzwischen ausgedruckten Protokolle und Datenträger mit Messdaten abholten. Heute würden sie zum letzten Mal das kleine Häuschen sehen und betreten. Während es Tom übernahm hinein zu gehen und die letzte Fuhre Messwerte zu holen, holten die Anderen das Werkzeug aus dem Boot. Als sie wieder auf dem Hügel standen hatte Tom eben seine Beute wasserfest verstaut. Dann machten sie sich an die Demontage. Das Fertighaus, die Antennen und Sensoren, sowie die schweren Akkumulatoren, alles wurde in handliche Ausrüstungspakete zerlegt und Stück für Stück auf einen großen Karren aufgeschichtet. Inzwischen war die frühe Dämmerung hereingebrochen. Die Luft war unangenehm feucht und ein dichter Nebel stieg von der nahen Wasserfläche auf. Die tiefe Stille und der heraufziehende Nebel, die einbrechende Nacht, dies alles erzeugte eine niederdrückende Stimmung bei den vier Forschern. – Ein Gefühl von Beklemmung, beständig anwachsend, drängte sich in ihre Gedanken. Schneller und schneller hasteten sie über das Eis. In riesen Schritten zerlegten sie das Einzige, das an diesem Ort von ihrer Anwesenheit Zeugnis abgelegt hatte, was ihnen das Gefühl des Vertrauten hatte geben können. Schließlich war die letzte Platte, die letzte Kabeltrommel aufgerollt und die letzten Verankerungen aus dem Grund gelöst. Mit der demontierten Station auf den Karren machten sie sich auf den kurzen Rückweg zum Strand. Den Karren den Hügel hinunter zu bringen – sicher und unversehrt – war noch einmal ein ganzes Stück  Arbeit. Dann unten angekommen machten sie eine entsetzliche Entdeckung. Der Landeplatz war leer und verlassen. Kein Boot, keine Spuren – nichts. Ihre einzige Möglichkeit der Rückkehr in die begrenzte Sicherheit ihrer Station war buchstäblich verschwunden.

Es gab keine Panik, keine Schreie des Entsetzens und der aufkeimenden Todesfurcht zerrissen die ewige Dämmerung. Ohne die leiseste Ahnung, wie sie das nun unvermeidliche ertragen sollten, es erträglicher machen konnten, standen die vier Männer stumm vor der unbewegten, bleiernen Fläche.

Jeder von ihnen fragte sich dieselbe verzweifelte Frage. – Warum! Warum hatten sie zu sterben. Warum waren sie von ihrem Kameraden verraten und zu einem eisigen Tod verurteilt worden. Wollte er ihnen eine Lektion erteilen?

Keiner von ihnen machte sich falsche Vorstellungen. Wenn die Kälte sie nicht umbrachte… die Bären würden es.

Der Landweg zurück zur Station war ohne Proviant und Skiausrüstung unpassierbar und überdies auch viel zu weit.

Es hatte zu schneien begonnen. Die vier Verdammten saßen im Kreis am Fuße der Felsen und erwarteten den Tod.

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