I’m a barbie girl, in a barbie world
Life in plastic, it’s fantastic!
you can brush my hair, undress me everywhere
Imagination, life is your creation
You can touch, you can play, if you say: "I’m always yours"
Die Frau, die ‚uns das Fürchten lehrte’ und ‚über die Details der weiblichen Physis endlich aufklärte’ fand 1997 eine adäquate Assoziation ihrer Stimme: Lene Grawford Nystrom. Die dänische Sängerin von Aqua, die mit ihrer überdosierten Cotton-Candy-Voice „Barbie girl“ auf die Spitze mehrere nationaler Hitlisten quietschte, schien der stummen Plastikblondine aus ihrem Hohlkörper zu sprechen. Denn auch wenn man den Puppenkopf prüfend zusammenpresst und schlussfolgern muss, dass sich darin keine Gehirnmasse befinden kann, muss Barbie beim Betrachten ihres Spiegelbilds – wie Ruth Handler sie schuf – dennoch manchmal ein Gedanke durch den Kopf schießen und mit gekrauster Stirn Ken fragen: „Bin ich wirklich ein Kinderspielzeug?“
Mattel antwortete mit einem energischen „Ja“, als es eben 1997 MCA auf Grund der Sexualisierung seiner weiblichen Puppe in dem Chartbreaker „Barbie girl“ verklagte. Der Urheberstreit um die Marke Barbie scheiterte 2003 endgültig an seinen gleichwertigen Kontrahenten und wohl auch an der Absurdität der Anklage. Die 2009 ins Seniorenalter eintretende Popkulturikone muss also mit dem Frontalangriff auf ihr Image leben und akzeptieren, dass sie trotz des aufpolierten Marketings ihres US-Mutterkonzerns, polarisierend wirkt.
Ken legt so gut er kann seine steife Hand auf Barbies symmetrische Schulter und meint: „Also ich finde dich Ok,… ja, du bist ein wenig zu perfekt und surreal, aber das merkt doch keiner!“ Inwiefern sich sechs jährige Mädchen wirklich an dem Puppenkörper orientieren ist umstritten. Vermutlich fasziniert die Mehrheit bloß ihre diversen extravaganten Outfits und versteht die subtilen zweideutigen Anspielungen in dem Eurodance Song überhaupt nicht, aber die Maße der 29 cm großen Puppe geben doch so manchen zu denken. Daher stellt sich die Frage, was denn an „Barbie girl“ so sexualisierend ist, wenn Barbies künstlicher Symmetriekörper bereits unverhohlen die weibliche Idealphysiognomie propagiert. Das bekannteste Ergebnis dessen ist das so genannte Barbie-Syndrom, geprägt von Cindy Jackson, die mittels knapp 30 Operationen manisch versuchte dem Mattel-Mannequin zu entsprechen.
Ist das Kinderspielzeug in Wirklichkeit vielleicht nur ein gesuchter und gefundener Sündenbock für unsere westliche Misskultur – eine Projektionsfläche der gesellschaftlich normierten Kriterien für das Abstraktum Schönheit und damit schlicht das globale Symptom unserer krankhaften Lebensphilosophie?
“The doll sells the fashion and the fashion sells the doll.”
Mattel erklärt auf der offiziellen Website: „Sie zeigt Mädchen, wie sie sich stylen können und ermöglicht es ihnen, spielerisch eine persönliche Modeaussage zu treffen“. Scheinbar kann Barbie Millicent Roberts, wie die Plastik mit bürgerlichen Namen heißt, dies nicht ohne überdimensionierte sekundäre Geschlechtsmerkmale und Anzeichen von Magersucht tun. Andererseits, welchen pädagogischen Nutzen hat es ein Mädchen im Einschulungsalter mittels Lifestyle und Fashion-Bewusstsein zu hypnotisieren? Erschreckend ist dabei, dass Mattel eine der weltweit größten Bekleidungsproduzenten ist, die Bedürfnisse einer toten Plastikfigur also auf die gleiche Stufe wie die Grundbedürfnisse der globalen Menschheit gestellt werden und in manchen Gebieten sogar noch einen Treppenabsatz höher.
Ob unter dem Eurodance-Buble-gum-Sound von „Barbie girl“ wirklich verkappte Gesellschaftskritik gewoben wurde oder Aqua nur die Menge Cash vor Augen hatte, als sie kontroverse Anspielungen mit einer leichten pinkfarbenen Melodie verrührte, lässt sich nicht eindeutig bestimmen. Dennoch ist es erstaunlich mit welcher Plumpheit eine Mainstream-Band, gewollt oder ungewollt, die Wirkung von Suggestion durch jahrzehntelang tradiertes Spielzeug aufdeckt und wie zart besaitet sich ein Konzernriese bei der sensiblen Verwendung eines Copyright Produkts zeigt.
Vielleicht sollte Aqua sich bei ihrer nächsten Hitproduktion lieber an Lara Croft vergreifen, ihre Fans sind schließlich ab 18 und eine Klage wegen Sexualisierung wäre harmlose Selbstparodie. Mit einigen inhaltlichen Veränderungen könnten Aqua dann auch ihr „Barbie girl“ umweltschonend recyceln:
I’m a cyber girl, in a virtual world
Life in cyberspace, always hot chase!
You can load my gun, have me on the run
Imagination, game is your creation
Gez
Ein gescheiterter Dichter (kommentiert)


Einen TrackBack setzen